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Mittwoch, Juni 16, 2021
StartJahr2021REVIEW | Rezension Brettspiel Tang Garden

REVIEW | Rezension Brettspiel Tang Garden

Also mein Flavourtext zu diesem Spiel wäre ja gewesen:

„Die Konkubine des Kaisers wandelt versonnen durch die Morgenröte – die ersten Sonnenstrahlen des Tages beleuchten die Dächer der reich verzierten Pavillons und lassen die Schwerttänzerin, die ihren morgendlichen Übungen nachgeht, imposante Schatten werfen. Der Blick der vornehmen Dame fällt auf das Glitzern des nahen Sees. Dort ziehen Zierfische ihre Kreise zwischen den frisch erblühten Lotusblumen. Im nahen Magnolienbaum zwitschern exotische Vögel. 

Doch langsam erwacht lebendiges Treiben: Der fleißige Student hat bereits seinen Morgenspaziergang angetreten, der Beamte eilt über die Brücke zu seiner Dienststelle und auch das kleine Kind läuft neugierig die Wege entlang, immer Ausschau haltend nach den scheuen Tieren…“

Dies ist das Szenario, in das uns Tang Garden entführt. Ein bisschen kitschig, aber auch ziemlich beeindruckend…

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

In diesem Spiel erschaffen wir gemeinsam den namensgebenden Garten. 

Wer am Zug ist, hat die Wahl zwischen den beiden Optionen „Landschaftsplättchen auslegen“ oder „Dekorationen bauen“. 

Fällt die Entscheidung auf das Legen eines Landschaftsplättchens, stehen vier unterschiedliche Stapel mit jeweils anderen Landschaftsarten zur Verfügung – Wasser, Felsen, Grünfläche oder eine gemischte Variante. Diese sind passend – Seite an Seite – an den bereits ausliegenden Landschaftsplättchen auf dem Spielfeld in der Tischmitte anzulegen.

Für passendes Anlegen erhalten die Spieler:innen Belohnungen. Diese tragen sie auf ihren Spielertableaus in der entsprechenden Landschaftsleiste ab. Für das Fortschreiten auf diesen Landschaftsleisten erhält man Belohnungen. 

Die Belohnungen bestehen darin, dass man Geld erhält oder in den meisten Fällen beim Überschreiten bestimmter Marken ein zusätzlicher Charakter an den Hof gelockt wird. Was bedeutet das?

Alle Spieler:innen starten mit einem Charakter ins Spiel. Dieser wird durch eine Karte, auf der die Sonderfähigkeiten des Charakters aufgezeigt werden, und durch eine Miniatur repräsentiert.

Erhält man durch die Belohnungen auf dem Spielertableau einen zusätzlichen neuen Charakter, muss man sich entscheiden, welchen der beiden man in Form der Miniatur auf das Spielfeld einsetzt. Die Figuren bringen für erfüllte Bedingungen am Ende des Spieles Einkommen, wenn sie beispielsweise auf bestimmte, vorgegebene Landschaftsarten blicken etc.

Entscheidet man sich nicht für das Anlegen eines Landschaftsplättchens, kann man stattdessen die Dekorationen im Garten weiter ausbauen. Dafür zieht man eine bestimmte Anzahl an Karten vom Stapel und wählt aus ihnen eine Dekoration aus, die man dann auf einem passenden Landschaftsplättchen platziert. Diese Dekorationen können Bäume, Brücken, Tiere, Pavillons oder Blumen sein.

Je nach aktivem Charakter, der einem gerade zur Verfügung steht, kann dies zusätzliches Einkommen auslösen. Auch am Ende des Spiels bringen die meisten der Dekorationen noch weitere Gelderträge. Von einigen Dekorationen sollte man im Spielverlauf Paare sammeln, von anderen am Ende die meisten haben oder möglichst viele unterschiedliche sammeln.

Letztendlich gewinnt Tang Garden, wer am Ende des Spiels das größte Einkommen vorweisen kann. 



AUTOR: Francesco Testini, Pierluca Zizzi ■ ILLUSTRATIONEN: Mateusz Mizak
VERLAG: Skellig Games  ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2021

spieler

2-4 Spieler

alter

ab 14 Jahren

zeit

ca. 45 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu Skellig Games)


SPIELGEFÜHL

Im Grunde seines Herzens ist Tang Garden ein Plättchenlegespiel. Mechanisch macht es wenig neu, kombiniert bekannte Elemente mit einer überragenden Optik aber zu einem interessanten, neuen Gesamtpaket. 

Überbordende Ausstattung

Bei der Erstpartie ist zunächst ein wenig Aufwand notwendig, um durch das umfangreiche Material durchzublicken. Die größte Herausforderung besteht nämlich darin, das Material schließlich wieder in der Box zu verstauen. Wie und wo soll das alles nur hin? Aber ist diese Frage erst einmal geklärt, überwiegt die Freude an diesem Augenschmauß. Die Komponenten sind sehr aufwändig gestaltet, wie sich der Garten nach und nach aufbaut und besonders durch die Bäume, Pavillons und Landschaftstafeln, die man am Spielfeldrand aufragend einsteckt: Das ergibt schon eine sehr stimmungsvolle Tischpräsenz! Auch, wenn die Pavillons sehr fragil sind und öfter mal auseinanderfallen…

Immer schön den Überblick behalten!

Allerdings können diese Elemente dabei stören, wenn man die Übersicht bewahren möchte. Ist gegen Ende des Spiels der Spielplan bereits üppig dekoriert, muss man auch schon mal aufstehen oder ein Dekorationsobjekt anheben, um sich ein genaueres Bild zu machen: 

Wo kann ich noch anlegen? Was liegt da hinter dem Pavillion? Wohin schaut mein Charakter, den ich bereits vor Runden aufs Spielfeld gesetzt habe? Was ist auf dem Spielertableau meiner Mitspieler:innen los, das mittlerweile hinter den aufrecht stehenden Landschaftselementen verborgen ist? 

Da steht die opulente Ausstattung dem Spielfluss schon ein wenig im Wege… Hat man das Spiel einige Male gespielt, gewöhnt man sich gut daran. In den ersten Partien kann man aber im wahrsten Sinne des Wortes einige Dinge aus dem Auge verlieren, die für den Spielverlauf wichtig sein können. Da gilt es, aufzupassen! 

Wunderschön! Aber auch schön zu spielen?

Ist das Spiel, wie so einige durch Kickstarter finanzierte und sehr opulent ausgestattete Spiele, ein Blender? Nein, finde ich nicht, denn auch das eigentliche Spiel hinter der beeindruckenden Optik ist gut gelungen. 

Grundsätzlich ist die Spielmechanik recht einfach: Man wählt zwischen Plättchen anlegen – das kennt man aus Carcassone und Co. – und der Auswahl zwischen Dekorationen. Das ist nicht allzu schwierig und nach zwei, drei Partien, wenn man den Überblick über die Komponenten gewonnen hat, lässt sich Tang Garden von geübten Spielern locker runterspielen. 

Sobald die Charaktere in greifbare Nähe rücken, kommt ein Renncharakter in das sonst recht ruhige, Zen-artige Spielgeschehen: Liegt ein lukrativer Charakter in der offenen Auslage, dann geben die Spieler ordentlich Gas, um das Nehmen eines neuen Charakters als erstes freischalten zu können. Dann gibt es weitere Entscheidungen zu treffen – welche Figur behalte ich, wen setze ich auf Spielfeld?

Hält das Interesse an?

Mit ein wenig Übung kommt auch mehr Taktik ins Spiel: Ist beispielsweise abzusehen, dass man den nächsten Charakter als erstes wird aussuchen dürfen, kann man den Garten bereits gezielt so ausbauen, dass man die gewählte Figur möglichst einträglich auf das Spielbrett einsetzen kann. Alles in allem ist das Spiel wirklich reizvoll und bietet auch noch nach einigen Partien immer wieder Anreiz, neue Wege auszuprobieren. 

Selbsterklärend?

Einige Symbole auf den Charakter- oder Dekorationskarten sind leider ein wenig klein dargestellt, so dass es anfänglich immer wieder kleine Fragen zu klären gibt. Die Symbole auf zwei, drei Charakterkarten müssen auch nach ein paar Partien immer noch nachgeschlagen werden. Die Laternenmarker, die als eine Art Joker eingesetzt werden können, sind auch nur zum Teil durch ihre Bildsprache selbsterklärend. Bei der opulenten Ausstattung wäre übrigens eine kurze Spielübersicht für jeden Spieler anfänglich auch sehr hilfreich gewesen.

Aber all das ist Jammern auf hohem Niveau. Bei all den kleinen Punkten, die ich gerade angesprochen habe, überzeugt dann am Ende doch das Gesamtkunstwerk, das auf dem Spieltisch entsteht. Und das erbaut man immer wieder gern!


Zusammenfassung

Die Komposition aus Mechanik und Optik ist bei Tang Garden gut gelungen und macht aus dem Spiel ein schönes Gesamtpaket auf Kennerspielniveau.

Dass immer wieder eine neue Landschaft entsteht und unterschiedliche Charakter kombiniert werden können, garantiert Wiederspielreiz. 

Im Besonderen besticht das Spiel natürlich durch seine Optik – das ist wirklich beeindruckend, was die Spieler während einer Partie auf dem Tisch erschaffen. Jeder Garten ist anders, keiner gleicht dem vorherigen. Das Material ist ansprechend, mit Liebe zum Detail gestaltet. Die Tischpräsenz und das Dekorationsmaterial garantieren dabei ein thematisches Spielerlebnis.

  • Überragende Tischpräsenz durch sehr schönes Spielmaterial und stimmungsvolles Setting
  • Gut abgestimmte Spielmechanik, die einmal erlernt, einen schönen Spielfluss erzeugt
  • Manchmal stören die Deko-Elemente die Übersicht
  • Symbolsprache ist nicht immer klar und eindeutig

Aus meiner Spielerperspektive: Man kennt schon so einige Spiele, die optisch toll daher kommen. Dann spielt man sie und fragt sich, ob die Macher wirklich gehofft hatten, dass die Optik über die Spielschwächen hinwegtäuschen kann.

Daher war ich in Bezug auf Tang Garden ursprünglich sehr skeptisch. Auch hier hätte dies der Fall sein können, denn das Spiel bietet so einiges an potentiellem Blendwerk… Ich bin aber mittlerweile ein echter Fan von Tang Garden geworden. Auch das eigentliche Spiel hinter der Optik ist gut, obwohl es spielmechanisch die Welt nicht neu erfindet. Das Gesamtpaket punktet durch seine inneren und äußeren Werte.

Nur der Flavourtext hätte stimmungsvoller sein können ;-). 

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