Am 19. Mai 2026 haben Harald Schrapers und Christoph Schlewinski im Livestream (LINK) die Nominierungen zum Spiel des Jahres 2026 bekanntgegeben. In diesem Stream fiel eine Aussage von Harald Schrapers, dem Vorsitzenden der Jury, die seither für Diskussionen sorgt: Manche Spiele würden von der Jury nur einmal gespielt, bevor eine Entscheidung über ihre Qualifikation getroffen wird.
Der Aufschrei in der Community ließ nicht lange auf sich warten. Ich finde allerdings, dass diese Diskussion gerade sehr polemisiert wird – und vor allem zwei Dinge verwechselt, die grundlegend unterschiedlich sind: Vorsortierung und Review. Daher ein Kommentar zur Einordnung aus meiner Sicht in Ergänzung zur gestern erschienenen Kolumne (LINK).
Erst die Zahlen
471 Neuerscheinungen. 14 Jurymitglieder. Ehrenamt. Neben einem regulären Job.
Würde jede Person jedes Spiel dreimal spielen, wären das allein in der ersten Auslese rund 1.400 Partien pro Person. Dann kommen rund 50 Spiele in die engere Auswahl, welche gut zehnmal oder mehr gespielt werden müssten, also mehr als weitere ~500 Partien. Dann die 6 Nominierten (bei Spiel und Kennerspiel des Jahres), die in den letzten Wochen nochmals intensiv getestet werden.
Ergebnis: Rund 2.000+ Partien pro Jahr (das sind 5,5 Partien täglich) und pro Jury-Mitglied in der Vorstellung dieser Mahner, ohne Spieltage zu organisieren, ohne Texte zu schreiben / zu podcasten / zu filmen (alle Jurymitglieder sind Kritiker, die regelmäßig veröffentlichen), ohne Jury-Treffen und internen Austausch.
Und das alles als Ehrenamt neben einem normalen Job. Ich weiß nicht, woher dieser Anspruch kommt.
Vorsortierung ist kein minderwertiges Review
Hier liegt der eigentliche Denkfehler in der Debatte. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen zwei Szenarien:
Szenario A: Eine einzelne Person spielt ein Spiel einmal und fällt allein ein Urteil.
Szenario B: Vier oder fünf Personen spielen ein Spiel unabhängig voneinander und tauschen ihre Eindrücke aus.
Szenario B ist das, was die Jury macht und es ist methodisch deutlich stärker als sein Ruf. Mehrere Perspektiven, die nach einer ersten Partie zu einem gemeinsamen Bild zusammenfinden, ergeben oft ein zuverlässigeres Ergebnis als eine einzelne Meinung nach vielen Partien. Besonders dann, wenn es um die Frage geht: Ist dieses Spiel gut genug, um weiterzukommen? und nicht: Ist es das beste Spiel des Jahres?
Das Ziel der ersten Auslese ist nicht das finale Urteil. Es ist die Frage: Lohnt es sich, hier mehr Zeit zu investieren?
Eine Analogie aus der Organisationswelt
In Unternehmen und Organisationen kennen wir dieses Prinzip sehr gut. Wenn ein Team 30 neue Projektideen auf dem Tisch hat, werden diese nicht sofort alle gleich intensiv ausgearbeitet. Stattdessen gibt es eine erste Runde: Mehrere Personen werfen einen Blick auf jede Idee, tauschen sich kurz aus und dann wird gemeinsam entschieden, welche Ideen das Potenzial haben, weiterverfolgt zu werden. Erst diese ausgewählten Ideen werden dann mit vollem Einsatz durchdacht, getestet und bewertet.
Niemand würde in einer Organisation fordern, dass jede Idee vor der ersten Selektion mit dem gleichen Aufwand behandelt wird wie der spätere Favorit. Das wäre keine Gründlichkeit, das wäre Ressourcenverschwendung.
Genau so arbeitet eine gut organisierte Jury. Die intensive Auseinandersetzung folgt der Vorselektion – nicht umgekehrt.
Das Netz ist engmaschiger als gedacht
Durch die Arbeitsteilung lässt sich das Volumen der intensiv zu bespielenden Titel deutlich reduzieren und auch handelbar halten. Und falls ein Spiel in der ersten Runde durchrutscht, obwohl es die Community begeistert: Content Creatoren und die öffentliche Meinung fungieren als inoffizielle zweite Instanz. Wenn ein Titel überall hochgelobt wird, wird das in der Jury nicht unbemerkt bleiben.
Das Netz ist also doppelt abgesichert, intern durch Arbeitsteilung, extern durch den Diskurs innerhalb der Community.
Wäre eine größere Jury die Lösung?
Auch hier lohnt ein Blick in die Organisationswelt: Teams, die zu groß werden, verlieren an Entscheidungsfähigkeit. Was bei 6 Personen noch als kurzes Gespräch funktioniert, wird bei 20 Personen zur Sitzung mit Tagesordnung. Die Forschung zur Gruppenarbeit zeigt deutlich: Ab einer gewissen Größe steigt der Koordinationsaufwand schneller als der Nutzen.

Mehr Jurymitglieder würden das Problem der Spielmenge nicht lösen – sie würden ein neues Problem schaffen: das der Entscheidungsfindung.
Fazit
Die Methodik der Jury ist durchdachter, als die aktuelle Diskussion vermuten lässt. Vorsortierung durch mehrere Augen ist keine Schwäche, sie ist eine bewährte Methode, um mit begrenzten Ressourcen zu guten Entscheidungen zu kommen. Der Anspruch, dass jede Person jedes Spiel mehrfach alleine durchspielen muss, verwechselt gründliche Arbeit mit schlichtem Aufwand.
„Bevor wir die Jury kritisieren, sollten wir uns fragen: Wer würde diese Arbeit besser machen – und unter welchen Bedingungen?“



Danke Christoph! Großartiger Kommentar. Du hast es auf den Punkt gebracht.
Und Redaktionen arbeiten nicht anders.
Vielen Dank. Für mich ist es jetzt deutlich und klar. Dieses Hintergrund Wissen fehlte mir.
Hallo Christoph. Danke für Dein gestriges Video und die heutige ergänzende Erläuterung.
Ich kann wenig nachvollziehen, warum sich mancher an Harald Schrapers´ Aussage stößt. Man kann neben der sicher durchdachten Organisation der Jury auch einen gewissen Sachverstand annehmen. Ich denke auch, jeder, der jetzt kritisiert, saß schon mal vor einem Spiel und ahnte nach der Hälfte der Partie, dass da nichts Großes mehr kommt, und am Ende des Spiels war man sich sicher.
Und nahezu jeder würde in seinem eigenen Job angefressen reagieren, wenn ihm der Sachverstand abgesprochen würde, nur weil man schnell einschätzen kann, wohin die Reise geht.
Ich habe da volles Vertrauen in die Juryarbeit.
Oskar hat dieses Jahr eingeführt, um Filme zu bewerten muss man sie gesehen haben … wäre doch positiv
Für den Oscar gilt:Wer in einer Kategorie abstimmen will, muss alle nominierten Filme dieser Kategorie gesehen haben.
Das ist, soweit ich weiß bei der Jury gewährleistet.
Ich habe keinen Hinweis gesehen, bei dem die Oscar Jury sämtliche Filme sich anschauen musste.
Zur Klarstellung:
„Nominierte Filme“ sind die Filme, die es offiziell auf die Endauswahlliste für einen Oscar geschafft haben.
Der Ablauf ist vereinfacht so:
1. Zunächst werden viele Filme eingereicht.
2. Die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences wählen daraus Kandidaten aus.
3. Die Filme mit den meisten Stimmen werden „nominiert“.
4. Aus diesen Nominierten wird später der Gewinner gewählt.
Ich will Apfel und Birne nicht vergleichen mit dem Oscar Beispiel. Können da gerne nochmal anders rangehen: Du schreibst du findest das fair so. Würdest du, wenn du Brettspielautor oder Brettspielverlag wärst das gleiche sagen? Gehst du davon aus, dass dadurch das beste (oder eines der besten Titel) ausgewählt wird oder wird damit eher das populärere Spiel in den Fokus rücken? Kann es sein, dass große Verlage im Vorteil sind gegenüber kleineren? z.B. weil die auch nicht alle Jurymitglieder zu einem bezahlten Presseevent einladen können oder eben ihr Spiel an 14 Leute schicken, von denen 10 dann weil 4 sagen, man spielt es nicht, die 10 Spiele auf den ungespielt zu verschenken Haufen legen?
Und großer Rechenfehler: Du gehst von Status Quo aus, also 440 Spielen – noch vor 2 Jahren waren es die Hälfte, vor 5 Jahren sogar weit aus noch weniger. Die größe der Jury ist dabei eher konstant … rechnerisch ergibt sich bei gleichem, ehrenamtlichem Zeiteinsatz also ein enormer Performanceverlust, der sich also dadurch auszeichnet, das die Mehrheit der Spiele deutlich schneller als früher aussortiert werden müssen.
Aus der Vergangenheit gibt es genug Beispiele, wo man Spielen, die im Ersteindruck große Schwächen hatten (Paleo in Bezug auf Regeln und Material) dann noch Chancen eingeräumt hat nachzuarbeiten und es dann sogar für Nominierung oder Preis gereicht hat. Solche Mechanismen sind jetzt rechnerisch deutlich schwieriger, wenn rein Kapazitär die Jury nicht mehr in der Lage ist wie früher (wo es auch schon nicht perfekt sein konnte) zu aggieren
Vorab: ich bin eine Brettspielerin , kein Content Creator, Autor oder ähnliches. Also User. Und so gucke ich auch auf das Spiel des Jahres . Natürlich wünsche ich mir manchmal andere Nominierungen oder Preisträger , wohl normal wie bei den oder Oscars wie bei jedem Preis der so verliehen wird. Ich kann gerade diese „Aufruhr“ nicht nachvollziehen . Um was geht es hier? Den perfekten ausbalancierten für jeden total nachvollziehbaren Prozess? Wozu? Letztendlich ist vieles transparent und logisch und dennoch bleibt es ein Jurypreis der durch Mehrheiten zustande kommt. So wie Intelligenz das ist was der IQ Test misst , ist auch das Spiel des Jahres, dass welches von der Spiel des Jahres Jury ernannt wird .
Ein IQ-Test, den 4 von 14 Leuten machen und die anderen verlassen sich auf das Ergebnis? Der Vegleich hinkt doch … Nicht gespielt ist nicht gespielt. Ersteindruck ist Ersteindruck. Das ist ja die einfache Mathematik. Ein Jurypreis sollte sich nicht mit sowas angreifbar machen – ich seh das als strukturelles Problem, wie auch immer die Mathematik aussieht.
Lieber Christoph,
großes Lob für deinen Einsatz — und ebenso für deine Geduld beim Erklären sowie den ehrlichen Versuch, auch jene wieder einzusammeln, die in der Sache irgendwo zwischen „starke Meinung“ und „vollständiger Orientierungslosigkeit“ verloren gegangen sind.
Wer Review-Arbeit leistet, stellt die Arbeit der Jury nicht infrage. Im Gegenteil: Gerade wer „nur“ mit Begeisterung spielt, unterschätzt oft, wie komplex und anspruchsvoll solche Prozesse tatsächlich sind — oder vereinfacht sie zumindest massiv. Das kennen wir ja auch aus vielen anderen Bereichen: Fußball, Gesundheitswesen, Politik im Allgemeinen … überall dort, wo Außenstehende erstaunlich schnell zu sehr einfachen Lösungen kommen.
Ich ziehe jedenfalls meinen Hut vor allen, die sich deine — und auch die Erklärungsversuche anderer — anhören, den eigenen Zugang hinterfragen und bereit sind, die Perspektive zu erweitern.
Danke, Christoph, für die Einordnung. Auch als Nicht-Jury-Mitglied aber Rezensent/Kritiker mit einem Anspruch an gute Rezensionen sowie als jemand, der die Jury-Arbeit ein wenig verfolgt, habe ich doch arg geschockt reagiert, auf die ganzen Schlaumeier, die alles besser wissen, besser können und mit großer Polemik die vielleicht nicht ganz glücklichen Aussagen von Harald Schrapers genüsslich gegen die Jury verwandt haben. Ich freue mich über solche sachlichen Kommentare, danke für Deinen Einsatz!