Freitag, Januar 27, 2023
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REVIEW | Rezension Brettspiel Applejack

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Den Applejack kennen viele als alkoholisches Getränk – einen Apfelbrandy, den die nordamerkanischen Siedler aus Apfelcider herstellten. 

Im neuen Brettspiel von Uwe Rosenberg, begegnen wir dem „Applejack“ auf dem Cover eher als eine Art Schäfer, der es sich mit Äpfeln und Honig unter einem Apfelbaum gemütlich gemacht hat. Und damit steht auch schon alles bereit, was man braucht, um eine gute Partie Applejack erfolgreich zu spielen.

Carina Brachter

Ein Interview mit „Ode.“ zum neuen Studio The Game Builder gibt es hier.


SPIELBESCHREIBUNG

Applejack ist ein Plättchenlegespiel, das über zweieinhalb Runden gespielt wird, bis wir alle unsere Streuobstwiese mit insgesamt 19 Plättchen vollgepuzzelt haben.

Die eigene Streuobstwiese liegt als Tableau vor jedem Mitspielenden. In der Tischmitte finden wir den Ernteplan, auf dem der Applejack in Form eines Würfels seine Runden dreht und immer genau anzeigt, in welcher Runde wir uns befinden und wer an der Reihe ist. 

Rund um das Erntetableau sind die Plättchen angeordnet, aus denen wir auswählen können, wenn wir an der Reihe sind. Auf den Plättchen finden wir Äpfel in sieben unterschiedlichen Sorten, Apfelblüten und Bienenkörbe.

Unser Ziel ist es, bei Spielende den meisten Honig vorweisen zu können. Honig ist im Spiel die Währung, mit der wir neue Plättchen kaufen können. Was uns diese kosten, zeigt die Zahl auf dem Bienenkorb auf dem jeweiligen Plättchen. Platzieren wir das Plättchen auf unserem Tableau so, dass sich zwei Bienenkörbe gegenüberstehen, erhalten wir die Anzahl Honig, die dem kleinsten Wert entspricht, wieder zurückerstattet.

Mit den Plättchen versuchen wir außerdem, zusammenhängende Gebiete mit den gleichen Apfelsorten zu erstellen. Während des Spiels mehrmals und bei Spielende einmal werden alle Apfelsorten gewertet, indem die Anzahl der Äpfel ermittelt und die aktuelle Rundenzahl abgezogen wird.  

Außerdem erhalten wir bei Rundenwechsel und bei Spielende auch noch Honig für unsere Blüten. Aus dem Auge lassen sollte man auch nicht die Diversität, denn je mehr unterschiedliche Apfelsorten bei Spielende in die Wertung eingehen, desto mehr Diversitätspunkte erhält man.

Bei Spielende gewinnt Applejack, wer aus Apfelwertung, Diversität, Blüten und gesammeltem Honig den größten Honigvorrat erwirtschaften konnte.

Abwechslung beim Spiel ist möglich durch Seite B der Spieler:innentableaus, variable Apfelplättchen sowie eine Variante. Es gibt auch einen Solomodus.



AUTOR: Uwe Rosenberg ■ ILLUSTRATIONEN: Lukas Siegmon
VERLAG: The Game Builders ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2022

spieler

1-4 Spieler

alter

ab 8 Jahren

zeit

ca. 30 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu )


SPIELGEFÜHL

An Applejack a day keeps the doctor away

Applejack ist ein Plättchenlegespiel par excellence. Für alle, die dem Genre etwas abgewinnen können, möchte ich das Spiel wärmstens empfehlen. Das Thema ist zugänglich, die Regeln gut verständlich. Durch das klare und übersichtlich strukturierte Vorgehen auf dem Erntetableau – auf dem der Würfel voranschreitet, der den Applejack symbolisiert – wird man sicher und unaufgeregt durch das gesamte Spiel geführt. So verliert man auf keinen Fall aus dem Blick, wann man an der Reihe ist, wann welche Ernten stattfinden und wie lange eine Runde noch dauert. Man kann auch gut planen und vorausschauen, was bis zum eigenen nächsten Spielzug passieren wird: Werde ich nochmal Honig ernten und meine Zahlungsvorräte dadurch aufbessern? Welche Plättchen liegen dort, wo ich beim nächsten Mal „einkaufen“ kann. Wo kann ich das lukrativ anlegen?

Plantagenbau mit Paralyse?

Auf diese Weise ist es möglich, gut vorzuplanen, aber das führt bisweilen auch dazu, dass so manche:r Spieler:in in eine Grübelstarre fällt und sehr lange für die entsprechenden Überlegungen benötigt. Hier sollte der- oder diejenige ein wenig zum Bauchspielen angetrieben werden, denn so kompliziert sind die Aufgaben nicht, die Applejack uns stellt.  

Aber es gibt so viele Möglichkeiten! Und die wollen natürlich sorgsam ausgelotet sein. Wer sich einmal ein Apfelgebiet durch Unachtsamkeit durch das Legen eines vermeintlich „falschen“ Plättchens zu früh abgeschlossen hat, versteht, was ich meine und macht eine steile Lernkurve durch.

Das Glück ist mit den Tüchtigen!

Gegen die „falschen“ Plättchen und einen unpassende Auslage hilft auch die Option, ein Plättchen blind zu ziehen und zu hoffen, dass man dieses sinnvoll in seiner Auslage verwenden kann. In den ersten Partien habe ich mich lange gegen dieses Glückselement gesträubt, da hier ja wohl kaum etwas Gutes bei herumkommen kann – dachte ich! Nachdem ich es vor lauter Verzweiflung mal probiert hatte, greife ich mittlerweile gar nicht so selten zu dieser Option, denn das Ergebnis ist fast immer super. Ich kann nur ermutigen, das auch mal zu probieren!

Was kostet die Welt?

Der Honig als Zahlungsmittel ist nicht unbedingt logisch, aber das stört mich weniger. Eher stört mich manchmal das Hin und Her, wenn ich ein Plättchen beispielsweise mit 5 Honig bezahle und diese dann durch das Anlegen meines Bienenkorbes an einen anderen Bienenkorb quasi wieder zurückbekomme. Dieses „cash back“ wirkt manchmal ein wenig mechanisch. 
Wichtig ist, dass man nicht vorab verrechnet, denn man muss den Honig erst einmal ausgeben können, um ihn dann zurückzuerhalten. Die Spieler:innen, die sich ohne Honigguthaben ein Plättchen kaufen wollen, weil sie ja auch Honig wieder zurück erhalten, sind leider auf dem Holzweg…

Die Sache mit dem Honig-Cash back ist dann auch schon der komplizierteste Teil im Spiel – liest man ein bisschen schnell über die Regeln, kann man diesen Teil bisweilen falsch verstehen. Gründlich gelesen, stellt es aber absolut kein Problem dar.  

Spezialisierung oder Diversität?

Das Spiel lässt unterschiedliche Wege zum Ziel. Grundsätzlich würde ich sagen, dass der Weg zum Sieg eigentlich nur über die Mitnahme der Diversitätspunkte gehen kann. Die meisten Partien kann nur siegreich beenden, wer bei Spielende alle oder fast alle Apfelsorten in die Wertung einbringt. Aber auch hier gibt es Ausnahmen! Auch, wenn ich am liebsten behaupten würde, dass nichts ohne Diversität geht, hat auch schon die Spezialisierung auf bestimmte Apfelsorten den Sieg gebracht.

Dies bringt viel Honig bei den Ernten während des Spiels, der bei Spielende die fehlende Diversität wieder ausgleicht. Und, wenn man auf eine bestimmte Apfelsorte spielt, nimmt man seinen Mitspielenden immer die Äpfel weg, die diese für ihre Gebiete benötigen. Auch eine Möglichkeit… 

Ein wenig Abwechslung gefällig?

Applejack bietet nicht nur auf diesem Wege Varianz. Das Spieler:innentableau hat zwei Seiten. Neben der Grundvariante kann hier auch auf der B-Seite gespielt werden, die einem weniger Bienenkörbe und Anknüpfungspunkte für Honig-cash back liefert, aber dafür bereits den ein oder anderen Apfel, der einem dann den Weg bei der Plantagenplanung weisen kann.

Die B-Seite macht es aber deutlich schwieriger, an den notwendigen Honig zu gelangen und ist daher eher etwas für Fortgeschrittene. Denn wehe, man gerät ins Honigbankrott. Daraus zu kommen, ist im Spiel nicht nur extrem unthematisch – wieso bringen mir zwei Schafe zwei Honig? -, sondern auch extrem schwer.

Weitere Abwechslung bieten die beiliegenden Apfelplättchen, die man für mehr Ernteabwechslung auf dem Erntetableau platzieren kann und eine kleine Variante. Auch der Solomodus kann auf zwei Arten gespielt werden. 

Ausgesprochen hübsch

Das Spielmaterial und die gesamte Gestaltung des Spiels sind toll. Beim Auspacken empfand ich das Material der Plättchen zwar als ein wenig dünn, aber dieser Eindruck hat sich komplett verflüchtigt – die Stärke ist absolut ausreichend. Nur ein Säckchen für die Plättchen wäre schön gewesen. Da habe ich selber nachgebessert, da dann auch das Spielmaterial besser verstaut werden kann.

Das Cover verspricht heile Welt und das Spiel bricht dieses Versprechen nicht. Wenn man sich nicht selber ins Honigbankrott manövriert, kann einem bei Applejack hier kaum etwas Schlimmes passieren. Die optische Unterscheidung der sieben Apfelsorten ist sehr gut gelungen – ich hätte es allerdings noch schön gefunden, wenn die Sorten benannt worden wären. So behelfen wir uns selbst, wenn wir sagen, „dass jetzt der Boskopp gewertet wird“. Aber all das ist Jammern auf hohem Niveau.


Zusammenfassung

Applejack macht wenig neu, aber ist ein tolles Plättchenlegespiel – nicht schwer zu lernen, aber gar nicht so einfach, es optimal zu meistern. Das Spiel gibt uns durch seine klare Gliederung und seine ausgesprochen idyllische Gestaltung ein sehr angenehmes Spielgefühl, allerdings spielt auch hier jede:r ein wenig für sich. Schön ist, dass man bei Applejackunterschiedliche Wege zum Sieg ausprobieren kann und es hier nicht nur den einen Weg gibt. 

Abwechslung bringt das Spiel nicht nur durch die zahlreichen Plättchen, die jedes Spiel eine andere Streuobstwiese vor uns entstehen lassen, sondern auch durch variable Elemente, die man optional nutzen kann.

Applejack macht jedem, der dieses Genre mag, einfach Spaß und ist damit m.E. ein Anwärter auf den ein oder anderen Preis der kommenden Saison. 

  • Schönes, familienfreundliches Thema und sehr augenfällige Gestaltung
  • Sehr zugängliche Regeln und klare Spielstruktur durch das Erntetableau
  • Lässt unterschiedliche Strategien zu und ist abwechslungsreich
  • Vorausplanungsmöglichkeit verleiht Grüblern Futter
  • Honigrechnung ist nicht für jeden intuitiv
  • Ein wenig Glück ist notwenig, um die richtigen Plättchen zu ergattern und erfolgreich zu sein

Aus meiner Spielerperspektive: Leugnen hilft nichts: Ich bin Applejack-Fan! Das Spiel geht immer und ist dabei nach über einem Dutzend Partien für mich noch nicht langweilig. Ich würde jederzeit bei einer Partie mit einsteigen. Für mich eines der drei Highlights der Messe, die von mir die Bestnote bekommen. 

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