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Dienstag, September 22, 2020
Start Jahr 2019 REVIEW | Rezension Noctiluca

REVIEW | Rezension Noctiluca

Wer bei allen Spielen von Shem Phillips kernige Wikinger oder hartgesottene Bewohner des Westfrankenreichs vorzufinden erwartet, wird sich bei „Noctiluca“ sehr wundern. Es handelt sich nicht um einen taktischen Brecher, sondern um ein schönes Einsteiger- bzw. Familienspiel.

Dieser „hidden gem“ fliegt leider völlig unter dem Radar, daher möchte ich ihn Euch unbedingt einmal vorstellen. Es ist aktuell (noch) nicht mit deutschsprachiger Regel erhältlich, aber es beinhaltet gänzlich sprachneutrales Spielmaterial. 

Fun fact: Bei „Noctilucas“ handelt es sich um sogenannte „Dinoflagellaten“. Das sind Einzeller, die zu den Algen gezählt werden, und die das Leuchten im Meer und in Gewässern erzeugen können. Sie bringen durch Berührungsreize das Wasser grün und blau zum Leuchten. 

Wer dieses Spektakel in der Natur noch nicht beobachten konnte, kann es sich nun mit Noctiluca auf den Spieltisch holen.

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

Im Spiel übernehmen wir die Rolle von Tauchern. Sie haben die Aufgabe die Noctilucas aus einem düsteren Dschungelteich zu fischen, in denen sie an den wärmsten Nächten des Jahres in ihrer ganzen Farbenpracht erstrahlen. Wir sammeln sie in Gläsern, in denen immer eine bestimmte Farbzusammenstellung erforderlich ist, damit die Noctilucas ihre heilende Wirkung entfalten können. Wer sich dabei am geschicktesten anstellt und die meisten Punkte erzielt, geht als Sieger hervor.

Wir bereiten auf dem Spielplan zunächst unseren Dschungelteich mit den Noctilucas vor. Sprich: Die Felder des Spielplans werden mit kleinen bunten Würfeln bestückt, die wir zufällig aus dem Säckchen ziehen, werfen und dann verteilen.

Je nach Spielerzahl erhält jeder eine bestimmte Anzahl an Spielfiguren, die man später auf den Feldern am Rand des Spielplans einsetzen wird. Mit diesen Figuren markiert man jeweils eine bestimmte Reihe, aus der man sich alle Würfel nehmen darf, die – unabhängig von der Würfelfarbe – die gleiche Augenzahl zeigen.

Dies ist der zentrale Mechanismus des Spiels: Wir sondieren die Auslage auf dem Spielfeld und versuchen, die Würfelreihe zu identifizieren, die einem die meisten zu unseren Auftragskarten passenden Würfel einbringen wird.

Auftragskarten? Jeder Spieler erhält Karten mit darauf abgebildeten Noctiluca-Gläsern, die bestimmte Noctilucas in einer besonderen Farbkombination verlangen. Wenn wir eine Würfelreihe ausgewählt haben, nehmen wir die Würfel an uns und platzieren diese farblich passend auf die Felder unserer Auftragskarten. Ist eine solche Karte komplett gefüllt, werden der Auftrag und die Würfel abgelegt und der Spieler erhält einen Bonus-Chip mit Siegpunkten in der Farbe des Glases. Je später im Spiel die Aufträge erfüllt werden und je weiter wir im Stapel der Chips nach unten kommen, desto höher sind die Siegpunktwerte auf diesen Bonus-Chips. Auch eine Mehrheitenwertung um die Chips schließt sich bei Spielende daran an.

Zusätzlich gibt es noch geheime Auftragskarten. Hinter diesen versteckt sich eine bestimmte Würfelfarbe, die wir während des Spiels besonders in den Fokus nehmen sollten. Für gesammelte Noctilucas dieser Sorte erhalten wir am Ende Punkte. 

Die erste Runde endet, wenn wir alle unsere Figuren auf dem Spielplan eingesetzt haben und keine Reihe mehr frei ist. Die Auslage an Würfeln wird erneuert und die nächste Runde verläuft gegen den Uhrzeigersinn. Sind auch nach der zweiten Runde alle Spielfiguren eingesetzt, werden die Punkte gezählt und noch Belohnungen für Mehrheiten vergeben. Wer die meisten und vor allem auch die Noctilucas in der richtigen Farbe sammeln konnte, gewinnt.



AUTOR: Shem Phillips ■ GRAFIKER: Bree Lindsoe
VERLAG: Z-Man Games ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2019

spieler

1-4 Spieler

alter

ab 8 Jahren

zeit

ca. 30 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu )


SPIELGEFÜHL

Lernt man Noctiluca neu kennen, sollte man erst einmal die Perspektive wechseln. 

Was das heißt? Man muss den richtigen Blick auf den Spielplan entwickeln. 

Denn wir wählen die Würfel nicht im Wesentlichen nach Farben aus, sondern wir schauen auf die Augenzahl und müssen dafür unseren Blick schärfen. Liegen in der Reihe viele 5en und die Farben passen auch zu meinen Aufträgen? Prima, dann setze ich dort meine Spielfigur ein und bediene mich an der Auslage.

Dieses Umdenken ist aber auch schon die größte Hürde, die meist nach zwei bis drei Spielzügen fällt.

Danach ist jedem schnell klar, was zu tun ist: Man hat zwei Aufträge und gemäß der dort abgedruckten Farben muss man Würfel einsammeln. Das ist eine überschaubare und meist gut lösbare Aufgabe, die niemanden so wirklich überfordert. Es sei denn, die Auslage passt natürlich nicht zu den eigenen Wünschen…. Da gilt es, abzuwägen. Nicht immer ist die Reihe mit den meisten Würfeln auch die Beste! Denn kann ich Würfel nicht auf meinen Auftragskarten unterbringen, gehen diese an die Mitspieler und diese dürfen sich über Geschenke freuen. Da muss man gelegentlich gönnen können…

Ärgerlich wird es immer dann, wenn der Spieler vor einem leider genau die gleiche Reihe an Würfeln ins Auge gefasst hat, wie man selbst. Bei einem Spiel zu Viert ist es daher ratsam, sich nicht allzu sehr mit einer Reihe näher anzufreunden, denn ein Mitspieler hat bestimmt auch schon längst erkannt, dass es hier Einiges zu holen gibt.

Zu Zweit lässt sich deutlich besser planen. Hier kann man direkt eine alternative Reihe ins Auge fassen und wird nicht allzu sehr enttäuscht, wenn einem die Favoritenwürfel weggeschnappt werden. Man hat ja schließlich an Ausweichmöglichkeiten gedacht! 

Im Zweierspiel ist es gut möglich, mit den offen ausliegenden Karten bereits zu planen, welchen nächsten Auftrag man erfüllen möchte. Hier ist definitiv mehr Taktik im Spiel. Auch mit der Mehrheitenwertung der Bonus-Chips kann zu Zweit deutlich besser vorausberechnet werden, was sinnvoll ist. 

Die geheimen Aufträge bleiben nicht lange geheim. Die Mitspieler werden sich immer Aufträge nachziehen, die ihre „geheime“ Farbe vermehrt enthalten. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, denn der Fokus liegt deutlich darauf, die eigenen Aufträge zu erfüllen. Daher wird das Spiel auch meist nicht sehr konfrontativ, denn jeder konzentriert sich schon eher auf seine eigenen Belange. Würden wir uns nicht um eine gemeinsame Auslage streiten, könnte das Spiel auch als sehr solitär empfunden werden. 

Apropos solitär: Eine Solovariante bringt das Spiel auch mit. Die Rückseite des Spielplans ist dafür vorgesehen. Da ich diese aber bislang nicht ausprobiert habe, kann ich dazu leider keine Aussage treffen.

Die Auswertung der Siegpunkte am Ende des Spiels fällt beim ersten Mal auch nicht ganz leicht, da es für vier unterschiedliche Aspekte Punkte zu verteilen gibt. Das System ist aber schnell verstanden und wenn man mit jemanden spielt, der diese Auswertung anleiten kann, ist sie auch gar kein Problem.


Zusammenfassung

Noctiluca bietet einen einfachen Zugang, ist schön gestaltet, wenig konfrontativ und überfordert nicht. Es ist daher gut für Familien geeignet und locker auch im Feierabend spielbar, wenn man einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich hat. 

In Partien zu Zweit lässt es deutlich mehr Planung und taktisches Vorgehen zu, als in größerer Runde. 

Der Auswahlmechanismus ist nicht gänzlich innovativ, jedoch unverbraucht und angenehm. Das Thema ist aufgesetzt, stört aber auch nicht weiter.

Alles in allem klingt das jetzt wenig aufregend…

Was macht Noctiluca denn dann besonders?

Jeder, der es bislang bei uns mitgespielt hat, mochte es einfach sofort. Vielleicht macht das den geheimen Zauber der Noctilucas aus…

  • Leicht zugängliches und sehr geradliniges Spiel
  • Gut für Familien geeignet, aber auch prima zu Zweit spielbar
  • Abstraktes Spiel in unverbrauchtem thematischen Gewand
  • Schöner und klarer Auswahlmechanismus
  • Bislang nicht auf Deutsch verfügbar
  • Etwas Verwaltungsaufwand beim Bestücken des Spielplans mit Würfeln
  • Die Spielfiguren könnten ansprechender gestaltet sein
  • Manchen Spielern ist das Spiel etwas zu dunkel gestaltet

Aus meiner Spielerperspektive:

Schön gestaltete abstrakte Spiele sind mein Ding – eine fehlende Story stört mich nicht. Auch Spiele wie Sagrada, Azul oder Nova Luna liegen mir, da passt Noctiluca prima in die Reihe. Das Spiel ist jederzeit spielbar, weil es einem nicht wirklich viel abverlangt. 

Besonders gut gefällt mir, wie es Einsteiger begeistert. Ich wähle es gerne aus, wenn wir mit Wenigspielern über den Tellerrand des Bekannten schauen wollen. Das Spiel lässt sich gut erklären und ist damit auch für mich als Erklärenden sehr angenehm.

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