Sonntag, Juni 16, 2024
StartJahr2023REVIEW | Rezension Brettspiel Terra Pyramides

REVIEW | Rezension Brettspiel Terra Pyramides

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Ein Brettpiel von Kramer/Kiesling, in dem wir Pyramiden bauen? Das kenne ich doch noch aus der Vergangenheit (ist das wirklich schon 25 Jahre her???): Tikal – ein tolles Spiel, das mich zu den Anfängen meiner Spielkarriere noch deutlich mehr positiv beeinflusst hat als Catan.

Doch jetzt befinden wir uns nicht mehr in Mittelamerika, sondern bauen unsere Pyramiden im alten Ägypten. Auch hier sind diese Bauwerke wieder heiß umkämpft, allerdings können wir uns hier sicher sein, dass uns die Pyramiden, die wir uns einmal unter den Nagel gerissen haben, auch bis Spielende „gehören“. Was Terra Pyramides sonst noch zu bieten hat, lest Ihr im Folgenden.

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

Im Brettspiel Terra Pyramides gilt es, sich gut in Stellung zu bringen, um in erster Linie für den Bau von eigenen Pyramiden gute Voraussetzungen zu schaffen – wir benötigen dafür Geld, Ressourcen und Arbeitskräfte. Das Spiel enthält eine Grundvariante sowie zwei Erweiterungsvarianten. Mit den beiden Erweiterungen erhält das Spiel noch weitere Optionen, mit denen man noch deutlich punkteträchtiger um den Sieg spielen kann. 

In allen drei Varianten ist der Grundablauf des Spiels der gleiche: 

Wenn wir an der Reihe sind, legen wir ein Plättchen auf den Spielplan. Bei Spielbeginn sind auf dem Plan bereits einige Felder besetzt, so dass wir im Folgenden dort bereits ausliegende Plättchen ggf. mitnutzen können. 

Grenze ich mit dem gelegten Plättchen an einen leeren Bauplatz, muss ich ein Fundament ins Spiel bringen, auf dem künftig eine Pyramide gebaut werden kann. Ist das nicht der Fall, gehe ich ohne diese Zwischenschritt dazu über, mir angrenzend an mein gelegtes Plättchen eine orthogonale oder diagonale Reihe auszuwählen, die ich in dieser Runde aktivieren möchte. 

Aktivieren bedeutet, dass ich auf die Plättchen in dieser Reihe je nach aufgedruckten Symbolen Geld oder Bausteine in bestimmten Farben erhalte oder Arbeiter einsetzen darf. Geld und Bausteine darf ich dann zu mir, auf mein persönliches Tableau nehmen. Die Arbeitskräfte darf ich in waagerechter, senkrechter oder diagonaler Linie auf ein freies Fundament oder auf eine bereits von mir besetzte und im Bau befindliche Pyramide versetzen.

In der darauffolgenden Bauphase kann ich an meinen Pyramiden bauen, sofern ich dort drei Arbeitskräfte platziert habe und über genügend Bausteine in der benötigten Farbe verfüge, um mir die nächste Ebene leisten zu können. Ich kann dort im Laufe des Spiels bis zu fünf Ebenen bauen, wobei die erste Ebene einen Baustein und die nachfolgenden Ebenen jeweils einen Baustein mehr kosten.

Als Zusatzaktionen kann ich zudem jederzeit drei Goldmünzen ausgeben, um eine Arbeitskraft zu erwerben und beliebig einzusetzen, einen weißen Joker-Baustein zu kaufen oder ich kann eine Goldmünze ausgeben, um mir aus einem verdeckten Stapel ein Plättchen auszusuchen. Ein Plättchen ziehe ich nämlich in jedem Fall nach, bevor der nächste an der Reihe ist. 

Das Spiel endet, wenn alle Plättchenstapel aufgebraucht sind. Dann findet die Punkteauswertung statt. Je nach errichteten Ebenen der Pyramiden erhalten wir Punkte. Übrig gebliebene Rohstoffe und Geld sind ebenfalls Punkte wert.

Die Grundvariante des Spiels bietet Varianten und kooperative Aufgaben.

Die beiden Erweiterungen Horus und die Grabbeigaben und Der Nil und die Oasen erweitern das Spiel um diverse Spielkomponenten. In der ersten Variante kommen Plättchen mit mehr Horusaugen sowie eine entsprechende Punkteleiste hinzu. In der zweiten Variante spielen wir das Spiel auf der anderen Spielplanseite, da der Nil ins Spiel kommt. Über den fahren wir mit Schiffen. Ebenso kommen hier Oasenplättchen mit einer entsprechenden Punkteleiste sowie noch Strategiekarten ins Spiel, die für noch mehr Punkte sorgen.



AUTOR: Michael Kiesling, Wolfgang Kramer ■ ARTIST: Lukas Siegmon
VERLAG: Korea Boardgames|HUCH! ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2023

spieler

1-4 Spieler

alter

ab 10 Jahren

zeit

ca. 45-90 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu HUCH!)


SPIELGEFÜHL

Terra Pyramides ist für mich eine richtig positive Spielüberraschung, denn es trifft ziemlich genau meinen Spielegeschmack. Aber das erst in der letzten Ausbaustufe, denn zu Beginn in der Grundversion war es mir etwas zu wenig. Nur auf den Bau der Pyramiden zu gehen kommt Einsteigern vermutlich entgegen, denn es gibt nur eine Sache, auf die man sich hier konzentrieren muss. Für alle, die ein wenig mehr wollen, ist diese Grundversion von Terra Pyramides etwas zu eindimensional. Mit der Version 2 des Spiels kommen weitere Aspekte hinzu und mit Version 3 wird Terra Pyramides zu einem vielseitigen Kennerspiel, bei dem es unterschiedliche Wege zu beschreiten und mit jedem Spielzug interessante Entscheidungen zu treffen gibt. 

Der Kampf mit der Anleitung lohnt sich!

Bis dahin ist es aber ein längerer Weg, der durch die weniger zugängliche Spielregel auch nicht erleichtert wird. Das ist ein entscheidender Kritikpunkt, denn leider macht es den Spieleinstieg und die Grundeinstellung zu einem Spiel nicht besser, wenn man sich durch Unklarheiten kämpfen muss oder Beispiele nicht hilfreich sind, weil die nebenstehende Beschreibung und die Abbildung nicht zueinanderpassen wollen und sich nicht gut ergänzen. Außerdem fehlen klare Begrifflichkeiten oder kleine Hilfen, die man gut in Kurzübersichten hätte packen können.

Allen, die sich durch die Spielregel abgeschreckt fühlen möchte ich aufmunternd zurufen: Versucht es trotzdem, ihr werdet mit einem schönen Spiel belohnt! Der Redaktion sind die Probleme auch bereits bewusst, es wird für die nächste Ausgabe an einer Nachbesserung gearbeitet. 

Ein Blick aufs Material

Das Spielmaterial ist schön gestaltet, angefangen beim Cover bis hin zur klaren Symbolsprache auf den Plättchen. Die Pappplättchen und die Goldmünzen sind fast schon übertrieben dick – da hätte man sich beinah gewünscht, dass etwas von diesem Material für die Tableaus übriggeblieben wäre, die wiederum empfindlich dünn geraten sind.

Hier ist es auch ein wenig schwierig, dass bei einem Stoß gegen den Spieltisch schnell mal alle Bauklötzchen auf den farbigen Pyramiden verrutschen kann. Die Schwierigkeit besteht nämlich darin, dass man an unterschiedlich farbigen Klötzchen gespart hat und dies dadurch gelöst hat, dass die Bauklötze die Farbe der Pyramide annehmen, auf der sie auf dem Tableau liegen.

Verrutscht dann was, steht man schnell vor der Frage: Waren das jetzt gelbe oder grüne Bausteine?
Ebenso instabil sind die Plättchenlager, die schnell mal ins Rutschen geraten können. Nach zwei, drei Partien weiß man aber mit ihnen umzugehen, so dass man hier eine Rutschpartie vermeiden lernt. 
Aus „bautechnischen“ Gründen ist es nachvollziehbar, dass man nach einem Pappe-Fundament ab Ebene 3 mit seitlich angeschrägten Holzscheiben weiterbaut. Aber dieser Materialmix zwischen Pappe und Holz bei den Pyramiden ist irgendwie seltsam. Zumal auch hier das Handling ein wenig Übung erfordert, da die Holzebenen schwer zu stapeln sind und gern mal wegflitschen. 

Schaffe, schaffe, Pyramidle baue

Doch zurück zum Spielgeschehen: In der Grundversion des Spiels geht es im Wesentlichen um den Pyramidenbau. „Je höher, desto mehr Punkte“ lautet hier die klare Grundregel. Wichtig ist, dass man die Pyramide(n) auf die Spitze treibt, da der Sprung von 35 (Ebene 4) auf 60 Punkte (Ebene 5) im Grundspiel schon spielentscheidend ist. Das Grundspiel dient vor allem dazu, um den Spielmechanismus kennenzulernen. Und wem das ausreicht, der kann ja auch dabei bleiben. 

Um beim Pyramidenbau flexibel zu bleiben, ist Geld enorm wichtig! Da man die Pyramiden, die man ganz nach oben treiben will, nachher nur noch schwer über die Aktivierung von umliegenden Reihen mit Arbeitern bestücken kann, wird es notwendig, dass man einen anderen Weg findet, um dort Arbeiter einsetzen zu können. Gleiches gilt bei der Flexibilität in Sachen Baumaterial: Hier gibt es sogar zwei Wege, um weiterzukommen, da man auch immer zwei zu eins in weiß tauschen kann und auch Gold für Baumaterial ausgeben kann.

Ein Schritt weiter wird das Geld knapper

Mit der Variante Horus und die Grabbeigaben geht der Fokus weg vom Pyramidenbau, auf den sich im Grundspiel alles konzentriert. Damit wird das Spiel vielschichtiger, weil man auch auf anderen Wegen Punkte erzielen kann. Hier fließt der Geldregen nicht mehr so üppig und es muss deutlich sorgsamer gehaushaltet werden. Da wird es aus zwei Gründen schwieriger, die Pyramiden hochzutreiben – zum einen kommen weniger Plättchen mit Arbeitskräften ins Spiel und zum anderem fällt das Einkommen in Gold deutlich geringer aus. Arbeitskräfte kommen weniger ins Spiel, weil zum einen neue Plättchen ohne Arbeiter eingemischt werden und auch nicht immer alle Plättchen mitspielen. Gerade im Spiel zu Zweit kann das richtig ins Gewicht fallen.

Mit der Wertung für Grabbeigaben kommt außerdem ein neuer Wertungsaspekt mit in Spiel, der zudem die Interaktion fördert und fordert, womit ein konfrontatives Element Einzug hält. 

Nun wird’s richtig interessant

Mit der Erweiterung Der Nil und die Oasen wird Terra Pyramides auf (leichtes) Kennerspiel-Niveau gehoben. Leider hapert es hier auch wieder an der Anleitung… Die Regeln sind eigentlich kurz, aber schwer zu verstehen, da Bezeichnung von Dingen oft nicht einheitlich verwendet werden und in den Abbildungen nicht alle notwendigen Informationen abgebildet sind. Manche Passagen liest man dreimal.
Das Spiel wird nun auf der Nilseite des Tableaus gespielt und es kommen weitere neue Aspekte hinzu, die deutlich mehr Strategien zum Sieg zulassen. Ob alle gleich gut sind, wage ich zu bezweifeln. Man sollte keine der Leisten und Optionen außer Acht lassen, denn am Ende des Spiels regnet es Punkte für Vieles. Die Nilstrategie scheint mir aber die punkteträchtigste zu sein: Hier kann man durch die Multiplikation der „erfahrenen Palmen“ und der eigenen Pyramiden eine Menge Punkte erzielen. Wenn man darauf spielt, hat man meist auch direkt zwei der Strategiekarten („Meiste Pyramiden“, „Am weitesten auf dem Nil gefahren“) für sich entschieden, so dass man allein über diesen Weg schonmal gut 100 Punkte erzielen kann. Grundsätzlich sollte man sich frühzeitig für die passende Zielkarte entscheiden, damit man sich auf die Erfüllung konzentrieren und darauf hin spielen kann. Auch, wenn man dann seine Pläne offenlegt.
Auch in dieser Variante kommen weitere Plättchen hinzu, was auch dazu führt, dass immer weniger Arbeitskräfte verfügbar sind. Da muss man schon schauen, dass man die wenigen Arbeitskräfte gut einsetzt. Auf dieser Ebene des Spiels wird die Zeit des Grübelns deutlich länger. Welche Entscheidung ist die beste, gibt es noch etwas schlaueres, was ich vielleicht bislang nicht gesehen habe? Aber der Anspruch bleibt angenehm, Terra Pyramides wächst sich nicht zum Brainburner aus. Man kann auch mal den zweitbesten und drittbesten Zug machen, ohne, dass man aus dem Rennen ist. 

Noch ein paar Anmerkungen:

  • Terra Pyramides punktet mit Abwechslung: Zum einen entwickelt sich jede Partie aufgrund der verfügbaren Plättchen ein wenig anders. Zum anderen bringt es viele Varianten mit, die Abwechslung garantieren. 
  • Da man auch in diesem Spiel gar nicht so viele Züge zur Verfügung hat, will jede Aktion gut überlegt und entschieden sein, aber das Niveau bleibt dennoch angenehm und nicht anstrengend.
  • Das Spiel hat eine schöne Lernkurve. Spätestens ab der zweiten Partie spielt man anders, denn man weiß nun, was man bei der Auswahl der zu aktivierenden Reihe zu berücksichtigen hat: Die hier eingesetzten Arbeiter müssen auf meine Pyramiden, also muss ich quasi von dort rückwärts denken und mir von dort aus die zu aktivierende Reihe aussuchen.
  • Angenehm im Vergleich zu dem eingangs erwähnten Tikal ist, dass man niemandem die Pyramiden wegnehmen kann. Was man hat, hat man, es gibt keinen Stress um Mehrheiten mehr.
  • Manchmal ist es schwierig, die diagonalen Reihen korrekt zu identifizieren. Gerade auch dann, wenn Flussfelder dazu gehören. 
  • Für den Rückbau des Spiels in die Grundversion, wenn man es mit neuen Mitspielenden spielen möchte, wäre ein Hinweiszettel gut gewesen. 

Zusammenfassung

Terra Pyramides zeichnet sich durch „mitwachsendes“ Spielniveau aus. Die Grundvariante bietet einen guten Einstieg, dürfte aber für die meisten schnell zu eindimensional sein. Mit den beiden enthaltenen Erweiterungen/Versionen steigert sich der Anspruch und auch die Vielschichtigkeit des Spiels. Es gibt mehr zu beachten, mehr zu entscheiden, mehr Strategie, mehr Punkte.

Terra Pyramides ist durch sein Regelwerk leider nicht so zugänglich, wie es sein könnte und müsste. Hat man sich eingearbeitet, ist es ein sehr angenehmes und schönes Spiel. Da es zwischen Einsteiger- und Kennerniveau skalieren kann, kommt passt es in viele Runden und überzeugt durch Spielmechanik, Material und Optik. 

  • Spielkonzept, das vom Grundspiel zum Kennerspiel führt und wächst
  • Wiederspielreiz und Abwechslung durch viele Varianten gegeben
  • Angenehmes Spielgefühl, unterhält gut, überfordert nicht
  • Spielregel ist an vielen Stellen überarbeitungsbedürftig
  • Einige Spielelemente wie Holzebenen, Plättchenlager und Spielertableaus sind etwas zu rutschig geraten
  • In der Nilvariante zwingend Mitspielende stoppen, da sonst einige Strategien overpowert sind

Aus meiner Spielerperspektive: Anfangs war ich wirklich kritisch mit Terra Pyramides, da ich mit den Spielregeln so auf Kriegsfuß stand. Die Grundvariante war mir auch schnell zu langweilig. Aber sobald die Varianten ins Spiel kamen, hat das Spiel in meinen Augen enorm gewonnen und mit der Zeit habe ich das Spiel richtig ins Herz geschlossen. Der Flow des Spiels gefällt mir. Es kommt in allen Runden richtig gut an. Ich kann das Spiel daher auf jeden Fall weiterempfehlen und hoffe sehr, dass es eine zweite Auflage mit verbesserter Regel geben wird.

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