Deutscher Spielepreis 2018 – Update

Der Deutsche Spielepreis (DSP) ist ein Preis von Spielern für Spieler. Häufig wird er auch als der Expertenpreis bezeichnet, da vielfach die Sieger eher aus der Mitte der komplexeren Spiele kamen. Zumindest ist dieses seit 2001 so, seit dem ausschließlich das Publikum alleine abstimmen darf. Vorher waren Jurymitglieder zu einem gewissen % für den Preis verantwortlich.

Titelverteidiger aus dem letzten Jahr ist Terraforming Mars aus dem Hause Schwerkraft.

Die Abstimmung war ausgerufen für die Zeit vom 1.5.18 bis zum 31.7.18. Doch gestern wurde die Abstimmung fünf Tage früher als geplant abgebrochen. Was ist passiert?

Hier ein Versuch einer Erklärung

Was ist passiert?

Ob es sich komplett so zugetragen hat, weiß ich nicht, aber das ist das, was ich aus verschiedenen Quellen zusammengetragen habe.

21.07.2018

Wir schreiben den 21.07.2018. Wir befinden uns in Berlin. Auch vor Ort ist der Boardgamedigger. Er betreibt einen jungen Blog, der durch sein ungewöhnliches Format, Spieleauswahl und Sprache auf sich aufmerksam macht und mit mehr als 2.000 Abonnenten auch eine stattliche Zahl an Zusehern sein „Eigen“ nennen darf. Sieht man die Videos sieht man hier, dass der Autor des Youtube-Kanals mit voller Leidenschaft dabei ist, aber auch schon mal gerne provoziert. 

Der Boardgamedigger ist wie gesagt auch auf der Convention. Dort kommt es mit Carsten Reuter vom Schwerkraft Verlag zu einem Austausch über den Einfluß von den neuen Medien. Zudem keimt eine Idee eines besonderen Geschenks in Form einer Promokarte an die Zuschauer seines Kanals auf. Auch darüber wird wohl gesprochen. Gesagt getan. Das eine Wort gibt das andere. Was genau, wie gesagt wurde, läßt sich schwer konstruieren. Missverständnisse sind jedenfalls vorprogrammiert.

22.07.2018

Zuhause im Rheinland erscheint dann ein Video (LINK) von der Convention mit dem Aufruf für das Lieblingsspiel des Diggers (wie er von seiner Fangemeinde genannt wird) zu voten: KLONG! aus dem Hause Schwerkraft. So weit so gut. Machen andere „Influencer“ mehr oder weniger auch. Selbst Verlage haben in der Vergangenheit dazu aufgerufen, für ihre Spiele abzustimmen, denn der DSP ist nach dem Spiel des Jahres der zweitwichtigste Preis auf dem deutschen Spielepreis. Dazu noch von der Community für die Community.

Aber der Digger ist in seinem Element sich für sein „Lieblingsspiel“ einzusetzen und packt noch einen drauf (ich würde sagen, hier gehen die Pferde mit ihm durch), in dem er jedem Voter verspricht, gegen Einsendung eines Bildbelegs noch eine Promokarte zu dem Spiel zu versenden. Und das ist dann leider ein Foul. Denn hiermit wird die Grenze der Einflußnahme überschritten, da es einer Bezahlung für die Stimmabgabe gleichkommen würde, sollte das so statt finden. Insbesondere wenn man noch berücksichtigt, dass Promos bei den Spielern ziemlich gehypt sind und teilweise nach der Messe für hohe Summen bei Ebay über den Tisch gehen.

Seine Fangemeinde ist jedenfalls begeistert.

Jetzt reagiert der Friedhelm-Merz-Verlag und untersagt, diese Aktion, in dem Gegenmaßnahmen angekündigt werden.

23.07.2018

In einem weiteren Video (LINK) am nächsten Morgen der Versuch einer Erklärung zum Aufruf, die nur sehr begrenzt funktioniert. Warum in diesem Video noch ein Rundumschlag gegen die Jury des Spiel des Jahres erfolgt, kann ich dann nicht nachvollziehen („Anzugträger“). Auch die letzte Sequenz nach dem eigentlichen Video ist mehr als merkwürdig. Läuterung sind jedenfalls anders aus.

26.07.2018

Es gibt eine Mitteilung vom Schwerkraft-Verlag an den Boardgamedigger, welcher diese in seinen eigenen Worten via Facebook (LINK) veröffentlicht. Jedenfalls wird es jetzt gar keine Promokarte mehr geben. Zudem gab es nie eine Absprache bzgl. des DSP.

27.07.2018

Der Friedhelm-Merz-Verlag erklärt die Abstimmung für den Deutschen Spielepreis 2018 für beendet (Wortlaut via Facebook). Es sind wohl gut 100 Stimmen in der Zeit zwischen dem 23. und 27.07.2018 für KLONG! eingegangen, die nicht vernünftig zuordenbar sind (teileweise nur mit einem Spiel drauf). Diese werden nun auch aus der Wertung genommen.

Inzwischen hat sich der Schwerkraft-Verlag selbst davon distanziert, dass es eine Abstimmung zwischen dem Verlag und dem Boardgamedigger bzgl. der Promo vs. Stimmen gegeben hat, was aber aus dem Sachverhalt oben auch ersichtlich scheint.

 

Meine Statement

Nur Verlierer

Da haben wir nun die Bescherung. Und leider entstand aus einer unbedachten (im Kern gut gemeinten Aktion) sehr viel Schaden, welcher am Ende fünf Verlierer hat:

  • Den Deutsche Spielepreis 2018 (inkl. dem dahinter stehenden Verlag), welcher mit einem kleinen Makel vergeben wird, auch wenn die 100 Stimmen für KLONG! nicht in die Wertung eingehen.
  • Der Geek, der Fan, das Community-Mitglied: denn durch das frühe (berechtigte) Ende, konnten einige Spielfans nicht mehr abstimmen (ist mir auch so gegangen, da ich mir mit der Abstimmung immer Zeit bis zum Ende lasse). Diese Stimmen kommen nun alle nicht mehr die Wertung mit hinein.
  • Schwerkraft-Verlag und sein Spiel KLONG!: welcher da in eine Sache hineingezogen wurde
  • andere Blogger: denn jeder Verlag wird sich nun intensiv überlegen, in wie weit er die Szene noch unterstützen wird
  • und zuletzt auch der Boardgamedigger selbst. Denn die Art und Weise mit der berechtigten Kritik umzugehen, spricht Bände. Ein Urteil soll sich bitte jeder selbst bilden.

Was nun?

Auf den Friedhelm-Merz-Verlag wird im Nachgang zur Messe Essen eine Menge Arbeit zukommen, das Abstimmsystem für den DSP 2019 zu überprüfen. Denn selbst wenn es nur 100 Stimmen waren, so waren es 100 Stimmen in 4 Tagen. Die Abstimmung selbst läuft in der Regel ja über drei Monate. Gar nicht auszudenken, was dann doch möglich wäre. Es ist schade, dass ein eigentlich funktionierendes System durch solche Aktionen auszuhebeln ist. Eventuell muss man das System noch einmal überarbeiten.

Die Reaktionen des ein oder anderen Kommentierenden in den sozialen Medien haben mich übrigens auch erschrocken. Es geht gar nicht darum, dass alle auf eine Person „einzuschlagen“, jedoch fand ich das Abtun, dieser Aktion als Lappalie nicht besonders gut. Im Gegenteil, es wurden Bestärkungen ausgesprochen, damit weiterzumachen. Fühlte sich schon an wie eine Party gegen das Establishment: „Wir zeigen es denn mal“.  Scheint aktuell ein allgemeines Stimmungsbild in unserer Bevölkerung zu sein.

Aber auch jedem von uns Bloggern (Bild, Wort oder Ton) kommt in Zukunft eine Verantwortung zu. Wir sind alle mehr oder weniger Influencer und geben unsere subjektive Meinung zu Spielen ab. Wenn es aber um den deutschen Spielepreis geht, so kann der einzige Aufruf sein: „GEHT ZUR WAHL“ und nicht wählt x oder y. Hier sollte sich jeder noch einmal kritisch hinterfragen.

Es wäre gut, wenn jeder der Beteiligten (auch die vielen Befürworter der Aktion) mit ein wenig Abstand die ganze Sache reflektieren würden.

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7 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Durch das schlechte Votingsystem ist dieser Preis mMn total überflüssig. Nur Spiele mit einer großen Verbreitung haben Chancen auf einen Sieg und das liegt im Interesse der grossen Verlage. Hier werden nicht die Qualität der Spiele bewertet sondern der Erfolg der Spiele. Aus marktwirtschaftlichen Gründen mag dieses Label ja Sinn machen, für den Verbraucher eher weniger.

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  2. Bisher einer der besonnensten Kommentare zum Thema inkl. Ausblick (was können wir alle daraus lernen und in der Zukunft verbessern)!

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  3. Hallo Christoph,

    sehr guter Kommentar, kann mich deinen inhalten voll und ganz anschießen.

    LG
    Wolfgang

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  4. Moin,

    ich bin erst kürzlich über die Videos von Boardgamer-Digger gestolpert, aber mag sie ganz gerne. Ich habe auch den besagten Aufruf gesehen und seinen kleinen Widerruf kommentiert. Der Rund-um-Hieb gegen das Spiel des Jahres teile ich nicht, den Rest…:

    Ich finde Deine Meinung hier gut begründet und gut dargestellt, aber m.E. ist es eigentlich eine Lappalie, die von allen Beteiligten schlecht gemanagt wurde. Da hatte ich noch am ehesten vom Friedrich März Verlag aufgrund einer gewissen Medien-Erfahrung mehr erwartet, aber vielleicht war auch nicht genug Zeit, das ordentlich zu reflektieren und sich kurz gemeinsam zu besprechen. So wie es jetzt gelaufen ist, ist es auf jeden Fall massiv unglücklich.

    Wieso fischt man die Mails nicht raus, mailt die Leute direkt an, dass die Stimmen so nicht zählen und macht gemeinsam mit dem Digger ein Video und vielleicht eine Promo-Karte zu Klong! mit dem Verlag, den alle Wähler aller Spiele später gegen Porto oder auf der Spiel bekommen? Dann hätten alle Werbung gehabt und es wäre gut gelaufen.

    So verbleibt ein bitterer Nachgeschmack, auch weil 100 Stimmen für eine Beeinflussung des Preises offensichtlich reichen. Ohne den Großverlagen damit zu nahe zu treten: Kosmos, Schmidt oder Assmodee muss dann ja bloß in der Kantine einen mündlichen Aufruf starten, und schon würden sie gewinnen. Das kann ich mir nicht vorstellen.

    Vielleicht, dazu reichen die Hintergrundinfos dann nicht aus, steht Klong! (was ja wirklich ein gutes Spiel ist) gerade auf Platz zwei und nur knapp hinter dem Ersten und falls es doch gewinnt, soll es kein Geschmäkle haben, aber selbst das hätte man besser hinbekommen können.

    Ich dachte eigentlich mit seinem Widerruf wäre das Thema durch, offensichtlich nicht.

    Schade.

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  5. Schön geschrieben! Ohne Patei zu ergreifen und trotzdem offen und kritisch.

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  6. Ich muss Daniel entschieden widersprechen.

    Der Preis ist ganz und gar nicht überflüssig. Es handelt sich um einen Publikumspreis und hat daher seine Relevanz.

    Außerdem haben nicht nur Spiele großer Verlage eine Chance. Hat man schon letztes Jahr bei Terraforming Mars gesehen. Und dass ein Spiel gewinnt, das von einer Vielzahl von Käufern / Spielern geschätzt wird, halte ich für sehr sinnvoll und ein gutes Qualitätskriterium. Wenn etwas oft gekauft wird und oft gesagt wird, es sei ein gutes Spiel… dann stimmt es in den meisten Fällen wohl auch. Zumindest sollte man es sich mal anschauen. 😉

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  7. Hallo Christoph,
    ich persönlich finde es gut, wie Du hier in Deinem Blog die Sache dargelegt hast: Fair, beide Seiten der Medaille betrachtend, und dennoch mit einem persönlichen Fazit.

    Was mir anhand der Kommentare aber (wieder) auffällt, ist ein bissl „off topic“ :
    Es führt m.E. zu Missverständnissen, wenn sich zum Kommentieren mehrere Leute unter demselben Namen hier anmelden können. (Ich bin beispielsweise nicht der „Daniel“, der am 28.07.18 um 9:38 kommentiert hat.)
    Wäre es nicht besser, wenn jeder Kommentator (für Dich/das System ja an seiner Emailadresse erkennbar) sich einen ganz persönlichen Nickname ausdenken müsste, so dass nicht mehrere unterschiedliche Personen unter Benutzung desselben Nicknames kommentieren?

    Liebe Grüße!
    Daniel

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