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StartJahr2022REVIEW | Rezension Brettspiel Johanna

REVIEW | Rezension Brettspiel Johanna

Brettspielbox Brettspiele

Mittlerweile ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass jedes am Markt erfolgreiche (Brett-)Spiel über kurz oder lang seine Auskopplung als „xy & Write“ erhält. So auch nun bei Orléans. Johanna kommt als „Draw & Write“ daher, wobei „Draw“ hier nicht für „Zeichnen“, sondern für „Ziehen“ steht. Denn wie bei Orléans ziehen wir auch hier Personen aus einem Beutel. Wie Johanna funktioniert und welche Ähnlichkeiten es außerdem gibt, lest Ihr im Folgenden.

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

In Johanna erhält jede:r ein Spielblatt sowie einen Stift. Je nach Spieler:innenzahl sind auf dem Spielblatt Bereiche zu streichen oder Personenplättchen zu entfernen. Es werden so viele Runden gespielt, wie Personen mitspielen.

Wir bestücken dann den Beutel mit Personenplättchen. Jede Runde ziehen wir Personenplättchen aus diesem Beutel und dürfen uns, wenn wir an der Reihe sind, eine der gezogenen Personen aussuchen, die für eine Aktion genutzt werden kann. Welche Aktionen das sind, können wir dem Spielblatt entnehmen. 

  • Mit den Rittern und Seefahrern bewegen wir uns über den Kartenbereich des Spielblatts. Wir breiten uns über Straßen und Seewege zwischen Städten ausgehend von Orléans dort aus und sammeln auf dem Weg Waren und Entwicklungspunkte ein. 
  • Mit den Handwerkern können wir in auf diesem Weg erreichten Städten Kontore errichten. Die Kontore sind ein wichtiger Multiplikator für die Endwertung.
  • Mit den Bauern erhalten wir Waren für unser Lager. Befüllen wir hier Reihen von gleichen oder ungleichen Waren, können wir interessante Boni freischalten.
  • Mit den Kaufleuten können ausliegende Ortskarten erworben werden. Diese verstärken die Aktionen von Personen. Es gibt Ortskarten in unterschiedlichen Kategorien. Sie werden in fünf Stufen teurer und meist auch wertvoller. 
    (Optional ist das Spiel auch ohne Karten mit den auf dem Spielblatt aufgedruckten Orten spielbar.)
  • Mit den Gelehrten bewegen wir uns im Wesentlichen auf der Entwicklungsleiste voran. Die dort erreichte Stufe ist bei der Endwertung als Mulitplikator wichtig.
  • Außerdem können wir Mönche aktivieren, die als Joker für andere Personen eingesetzt werden können, die uns aber bei Nichtnutzung am Ende des Spiels Punkte geben.

Zusätzlich können wir uns mit den gewählten Personen an Segensreichen Werken beteiligen, die bei Erfüllung Boni liefern.

Bei Spielende erhalten wir dann Punkte aus unterschiedlichen Bereichen: Kontore und durch Boni freigeschaltete Bürger werden addiert und mit der erreichten Stufe auf der Entwicklungsleiste multipliziert. Hinzu kommen Punkte aus dem Bereich der Waren, der Bank, des Depots und durch nichtgenutzte Mönche. Wer die meisten Punkte erzielen konnte, gewinnt Johanna.  



AUTOR: Reiner Stockhausen, Ryan Hendrickson ■ ILLUSTRATIONEN: Klemens Franz
VERLAG: dlp Games ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2022

spieler

1-5 Spieler

alter

ab 10 Jahren

zeit

ca. 45 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu dlp games)


SPIELGEFÜHL

Home again in Orléans

Wer Orléans kennt, benötigt wenig Einarbeitung in das Johanna Draw & Write. Die Aufteilung des Spielblattes ist dem Brettspiel sehr ähnlich: Auf der linken Seite stellen wir quasi unsere „persönliche Weiterentwicklung“ dar, auf der rechten Seite finden wir die Karte mit Orléans als Ausgangspunkt unserer Reiseaktivitäten. Spielen wir das Spiel ohne die Ortskarten, haben wir alles direkt vor uns auf dem Plan – auch die Orte, mit denen wir unsere Aktionen verstärken, können wir hier direkt markieren. 

Die Personen, die wir ziehen, kennen wir bereits sehr gut, auch viele Ortskarten sind uns in ihren Funktionen gut bekannt. Ich habe das Spiel bislang nur mit Personen gespielt, die Orléans bereits kannten. Erklärt man hier das Spiel, kann man auf vielem Bekannten aufsetzen. Wie sich das mit Neueinsteigern in diese Spielwelt darstellt, kann ich nicht beurteilen. Grundsätzlich sind die Regeln aber nicht umfänglich, verständlich und nicht zu lang. Es gibt gute Übersichten über die Boni und die enthaltenen Ortskarten, so dass man alles Fragliche nachschlagen kann.

Weiterentwicklung ist Pflicht!

Johanna verlangt von uns eine Menge Optimierung in kurzer Zeit. Die Optionen, die wir gerade zu Spielbeginn haben, sind knapp bemessen und wir sollten uns zügig weiterentwickeln, damit wir bei Spielende erfolgreich sein können. Wir sollten schnell zusehen, uns über Ortskarten verstärkte Aktionen zu ermöglichen, denn nur dann können wir mit unseren Personen mehr erreichen. Nutzen wir die gewählten Personen nur in den Grundaktionen, dann kommen wir nicht weit. 

Das Spiel entfaltet erst dann seine ganzen Möglichkeiten, wenn wir unsere Aktionen verstärken, viel reisen, wir dadurch viele Waren und Entwicklungsschritte einsammeln, Bonusmönche geschickt einsetzen und möglichst auch noch zahlreiche Boni freischalten. 

Bitte, gerne Du zuerst!

 Ein Kniff im Spiel beeinflusst die Spieler:innen in der Weiterentwicklung: Bei den Ortskarten gibt es die Regel, dass wir erst aus der nächsten Spalte eine Karte wählen können, wenn aus der vorherigen Spalte gekauft wurde. Wer also dort einkauft, schaltet den Zugriff auf die nächste Spalte und ggf. attraktivere Optionen frei. Dies kann manchmal dazu führen, dass hier keiner den nächsten Schritt machen möchte und es zu einem Patt kommen kann, wenn man dem oder den anderen keinen tollen Entwicklungsschritt gönnen will. 

Gerade im Spiel zu Zweit kann sich das ein wenig hinziehen. Will hier keiner den nächsten Schritt gehen, halten sich die Möglichkeiten und schließlich auch die Siegpunkte bei Spielende in Grenzen. Wer aber den Weg öffnet und den Zugriff auf die nächste Spalte ermöglicht, hat auch nicht automatisch verloren…

Nicht jede Verstärkung wirkt sich aus 

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass nicht alle Personen in der gleichen Anzahl vorhanden sind. Allein aus Wahrscheinlichkeitsgründen sollte man bei den Ortskarten unbedingt darauf achten, dass Kaufmänner, Handwerker sowie Gelehrte je einmal mehr vorhanden sind als Ritter, Seemänner und Bauern. Wählt man die Aufwertung für eine Person, die häufiger vorhanden ist, wächst die Wahrscheinlichkeit, diese nutzen zu können.

Aber auch da kann man Pech haben: Je nach Anzahl der Mitspielenden werden Personenplättchen aus dem Spiel genommen. Es ist also auch darauf zu achten, welche Personenart mit reduzierter Anzahl teilnimmt. Vielleicht nicht unbedingt in diese bei den Ortskarten investieren…

Anfänglich ein wenig irritierend fand ich, dass die Fähigkeiten, die uns die Ortskarten in den unterschiedlichen Stufen bringen, objektiv nicht gleichwertig erscheinen. Hier gibt es definitiv unterschiedlich starke Karten – gerade, wenn man die Karten der letzten beiden Stufen betrachtet. Je nach Spezialisierung oder Ausrichtung der eigenen Taktik sind die Karten aber dann auch wieder unterschiedlich viel „wert“ und die vermeintlich „schwachen“ können starke Auswirkungen haben. 

Wie jetzt – schon vorbei?

Bei der Erstpartie haben wir versehentlich eine Runde zu viel gespielt, da wir der Meinung waren, dass es das doch jetzt nicht schon gewesen sein kann! Doch, das Spiel ist „so kurz“. Man hat nicht so viele Züge, wie man gerne hätte. Und es hat sich gezeigt, dass „alles ein bisschen“ nicht der beste Weg zum Ziel ist. 

Spezialisierung ist hier ein Zauberwort. Lieber Schwerpunkte setzen, viele Waren sammeln oder auf Geld gehen und nicht die Weiterentwicklung durch Ortskarten verpassen. Nur so kann es etwas werden. Wer sich bei allem ein wenig engagieren möchte, der kann sich auch zwischen den Optionen vertändeln.

Bitte nie mehr zu Fünft

Was ich gar nicht verstehen kann, ist, warum man das Spiel zu Fünft spielen sollte. Wer das einmal gemacht hat, wird es künftig lassen. Es lässt sich wunderbar zu Zweit oder Dritt spielen, aber darüber hinaus – nein danke. 

Die Partie zu Fünft dauert viel zu lange, man kann gar nicht nachvollziehen oder gar sehen, was die anderen auf ihrem Spielblatt so treiben, worauf sie sich spezialisieren und wenn man als letztes an die Reihe kommt, gibt es eh nur noch den „Mist“ in der Auslage. Da gilt es dann zu nehmen, was übrig ist und es bleibt nur zu reagieren als zu agieren. 

Zu Zweit und zu Dritt kann man Johanna gut spielen, sind es zwei geübte Spieler:innen reichen auch durchaus 20 Minuten für eine schnelle Partie. 

Johanna oder Orléans?

Johanna eignet sich daher gut, das Orléans-Feeling auf den Tisch zu zaubern, wenn nicht genügend Zeit für das Grundspiel vorhanden ist. Hat man jedoch ausreichend Zeit, dann würde ich lieber zu Orléans greifen. Da kann Johanna nicht mithalten, will es aber sicher auch nicht. Es ist und bleibt eine abgespeckt Version.

Bei Spielende bleibt wie bei der großen Schwester auch ein ähnliches Gefühl, nämlich, dass man doch noch sooo viel tun wollte und man viel zu wenig geschafft hat. Nur die Pest bleibt uns erspart…

Am Ende möchte ich gerne noch drei Kritikpunkte einbringen: 

  • Ein wesentlicher Unterschied zu großen Schwester Orléans besteht darin, dass ich bei Johanna nicht selber darüber entscheide, was im Beutel landet. Das Element des Bagbuildings, was das Grundspiel besonders machte, gibt es in dieser Form hier nicht. Im Beutel ist immer das Gleiche. Und es wird auch immer irgendwann gezogen, was bei Orléans nicht zwingend geschieht. Diese Unterschiede in der Spielmechanik sollten einem bewusst sein! 
  • Ich kann nicht verstehen, warum man auf den Ortskarten nicht deutlich gemacht hat, wann man diese nicht mit angeheuerten Mönchen nutzen darf. Es wäre doch einfach gewesen, einen durchgestrichenen Mönch auf die Karte zu packen. Nach ein paar Runden des Spiels schaut man nicht mehr in die Regel, wenn man die Aktionen nutzt und übersieht dann sehr schnell die Einschränkung „Heuerst Du einen Mönch an…“. Eine optische Hilfe durch ein entsprechendes Symbol wäre hier absolut hilfreich gewesen. 
  • Schade, dass die Rückseite der Blätter immer nur für die Solopartie genutzt werden kann. Wer nicht solo spielt, kann damit nichts anfangen…

Zusammenfassung

Johanna – Orléans Draw & Write ist die Umsetzung des sehr beliebten Kennerspiels Orléans in eine – zumindest mit zwei oder drei Personen – schnell gespielte Lightversion. Johanna ist dabei nicht schwer zu erlernen, aber anspruchsvoll darin, es gewinnbringend zu meistern. Es bewegt sich mit seinem Anspruch daher eindeutig im Kennerbereich. 

Johanna orientiert sich eng an der großen Schwester, allerdings mit einem deutlichen Unterschied: Ich entscheide über die Zusammenstellung den Beutelinhalts nicht selber und bin daher manchmal den Aktionen ausgeliefert, die mir übrig bleiben. Daraus gilt es, das Beste zu machen. Optimierung und Spezialisierung und eine gute Verstärkungsengine sind daher das Gebot der Stunde und der Schlüssel zum Sieg. Wer aber das richtige Orléans-Feeling haben möchte, ist nach wie vor bei der großen Schwester besser ausgehoben.

  • Transportiert das Feeling von Orléans gut in eine schneller gespielte Light-Version, ersetzt es aber nicht
  • Interessante Optimierungs- und Verstärkungsoptionen 
  • Optional auch ohne Karten nur mit den auf dem Spielblatt aufgedruckten Orten spielbar (z.B. remote)
  • Viele Glücksfaktoren, die die Taktik zerstören können
  • Zu Fünft zu lang und unübersichtlich
  • Rückseiten der Spielblätter ausschließlich solo nutzbar

Aus meiner Spielerperspektive: Ich war sehr gespannt auf Johanna, da ich Orléans und auch Roll & Writes sehr gerne mag. So richtig lieben gelernt habe ich Johanna aber dann nicht. 

Schade, dass wir in Johanna den Beutelinhalt und damit die Richtung, in die wir uns entwicklen wollen, nicht selber stärker beeinflussen können. Das fehlt mir hier ein wenig, obwohl ich doch genau von der großen Schwester weiß, dass ich doch eh nie das aus dem Beutel ziehe, was ich brauche! (Zieht Ihr eigentlich auch NIE Mönche?!?) 

Dann sollten wir es eben zu schätzen wissen, dass der benötige Bauer oder Handwerker ziemlich sicher in der nächsten Runde aus dem Beutel springen wird. Am liebsten mag ich das Spiel zu Zweit.

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