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Donnerstag, September 23, 2021
StartJahr2021REVIEW | Rezension Brettspiel Family Inc

REVIEW | Rezension Brettspiel Family Inc

Wenn „La Familia“ die Beute des vergangenen Jahrs unter sich aufteilt, geht es schonmal hoch her. Ein einziges Hauen und Stechen im Meeresfrüchte-Restaurant „Tutti Frutti“. Jeder bekommt, was er verdient. Aber irgendwie ist es doch alles eine ziemliche Glückssache, oder etwa nicht?

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

Die Ausstattung von Family Inc. umfasst einen Zählplan mit den Werten 0-100, 135 Punktechips mit den Werten 1-10, Farbsteine, die unsere Spielfarbe markieren sowie 14 Diamanten.

Der Zählplan wird ausgelegt und die Farbsteine der Mitspielenden auf die Null platziert. Die Punktechips werden verdeckt gemischt und in der Tischmitte bereitgelegt. Wer startet, darf Chips aus der Tischmitte ziehen und nach jedem Chip entscheiden, weiterzumachen oder freiwillig aufzuhören. Zieht man einen Wert, der bereits vor einem ausliegt, sind alle Chips verloren und kommen in die Schachtel. Passiert dies während der ersten drei Chips, kommt eine Glück-im-Unglück-Regel zum Tragen. Dann erhält man als Trostpflaster einen Diamanten.

Wer freiwillig aufhört, lässt die Chips offen vor sich ausliegen. Gewertet werden können sie aber erst dann, wenn man wieder an der Reihe ist und bevor man neue Chips aus der Tischmitte zieht. Die Chips können während einer Runde von den Mitspielenden geraubt werden, wenn sie Chips mit dem gleichen Wert ziehen und ihren Zug dann freiwillig beenden.

Ist man wieder an der Reihe und es liegen noch Chips vor einem aus, werden diese in die Schachtel gelegt und die Summe auf der Zählleiste abgetragen. 

Wer durch die Glück-im-Unglück-Regel drei Diamanten erhalten sollte, darf diese sofort abgeben und 50 Schritte auf der Zählleiste vorgehen. 

Wer zuerst 100 Punkte oder mehr erreicht, gewinnt Family Inc.



AUTOR: Reiner Knizia ■ DESIGN: Markus Erdt
VERLAG: Piatnik ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2021

spieler

2-7 Spieler

alter

ab 8 Jahren

zeit

ca. 15 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu Piatnik)


SPIELGEFÜHL

„Die Familie“ kommt zusammen….

Beim Lesen der Regel war ich ein bisschen überrascht, wie kurz die Regel ist. Und ich war auch skeptisch, ob mir Familiy Inc. gefallen könnte. Ein Mafiosi-Thema ist m.E. nicht mehr so richtig zeitgemäß. Die Familie, die die „ergaunerte“ Beute eines Jahres unter sich aufteilt? Schwierig… aber welches Thema wäre hier besser gewesen? Piraten? Schatzsucher?

Optischer Flashback

Sei’s drum, einfach mal ran ans Werk. Schnell wurde mir klar, dass ich mich nicht nur beim Thema in die frühen 90er Jahre zurück versetzt fühlte. Auch die Gestaltung von Family Inc. ist ein Flashback: Das Spielbrett zum Abtragen der „Beute“ wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Das Abtragen in Schlangenlinien ist ein wenig verwirrend. Zehnerschritte kann man gar nicht so einfach voranschreiten. Durch die Biegungen kommt man auch manchmal durcheinander, in welche Richtung es gerade weitergeht. Gegen die Gestaltung und Qualität der Zahlenchips ist nichts einzuwenden.

Gatewaygame für Zocker 

Dann geht es los mit dem Gezocke: Wir ziehen Chips und hoffen auf gute Beute. Dabei regiert das Glück, ganz klar! Taktischer Anspruch ist hier nicht wirklich gefragt, so dass das Spiel ein prima Gatewaygame ist. Family Inc. kann man mit wirklich jedem Spieleneuling spielen. Die Regeln sind supersimpel, die hat man in einer Minute vermittelt. 

Natürlich kann man noch entscheiden, wann man besser mit der Zockerei aufhört, aber oft überreizt man sein Glück. Dann ist alles verloren. Und als Tipp aus eigener Push-your-luck-Erfahrung: Sagt niemals „Einen noch…“ – dann geht es garantiert schief und man zieht einen doppelten Wert und geht mit leeren Händen aus der Runde.

Schadenfreudiges Geben und Nehmen…

Schön und spielprägend ist der Kniff, dass die erbeuteten Chips eine Runde lang in der Auslage liegen bleiben müssen, bevor man sie werten kann. Dies bedeutet, dass sie, bis man wieder dran ist, von den Mitspielenden abgezockt werden können. Das führt zu Schadenfreude und Rachegelüsten am Spieltisch und die Emotionen kochen hoch – das funktioniert auch sehr gut mit Kindern. 

Der Kniff, das muss man deutlich sagen, greift aber nur in großer Runde wirklich. Ich empfehle das Spiel erst ab Vier aufwärts. Erst da entfaltet sich das Element des Abzockens erst richtig und bringt Laune. In kleiner Runde liegt immer viel zu wenig in der Auslage, da wird es schnell beliebig und langweilig.

In familiärer Runde von Kind bis Großeltern kann Family Inc. ein guter gemeinsamer Nenner sein, da das Spielprinzip sehr zugänglich ist. Die Art des Spiels ist auch sehr gut geeignet, um in feuchtfröhlichen Runden zu vorgerückter Stunde für Stimmung zu sorgen. 

Das Spielprinzip von Family Inc. kann in den entsprechenden Runden daher gut funktionieren. Für erfahrene Spieler, die ein wenig Strategie und interessante Entscheidungen am Spieltisch erwarten, ist es aber nichts! 

Zu viel Glück im Unglück 

Als Aufholmechanismus für Glücklose beinhalten die Regeln auch eine „Glück-im-Unglück“-Ausnahme, die das Spiel leider ein wenig ad absurdum führen kann: Wer innerhalb der ersten drei gezogenen Chips bereits einen doppelten Wert zieht, darf sich einen Diamanten aus dem Vorrat nehmen. Hat man drei Diamanten gezogen, erhält man gegen Abgabe derselben als Trostpflaster 50 Punkte, was bereits die halbe Miete zum Sieg ist. Das hört sich an, als wäre es schwierig zu schaffen, aber ungelogen: Ich habe in einem Spiel sechs mal auf diese Weise schnell hintereinander gepatzt und dann aufgrund der Trost-Diamanten das Spiel sehr zügig „gewonnen“. Das ließ mich und meine Mitspielerinnen ratlos zurück, das entsprechende Spielgefühl war in dieser Partie leider ziemlich mau. 


Zusammenfassung

Wer ein Spiel sucht, das für große Runden geeignet und auch für jeden Spielneuling in Rekordzeit erklärt und schnell gespielt ist, könnte sich Family Inc. mal näher anschauen. 

Es bietet viele Glückselemente und benötigt nur sehr wenig strategischen Einsatz. Man muss aber auch einstecken können, sonst macht sich schnell Frustration am Spieltisch breit. 

Wer gerne zockt und mit Schadenfreude seine Mitspielerinnen und Mitspieler ausnimmt, ist hier an der richtigen Adresse.

Allerdings macht Family Inc. dabei nur wenig neu. Sowohl Look als auch Spielprinzip hat man schon gesehen.

  • Denkbar kurze und einfache Regeln
  • Schnell erklärt, schnell gelernt, schnell gespielt
  • Gut für Spielneulinge und große Runden geeignet
  • Entfaltet seinen Spielspaß nur in großer Runde richtig, in kleiner Runde eher mau
  • Thema und Gestaltung könnten moderner sein
  • Glück-im-Unglück-Regel ist (in kleiner Besetzung) zu stark

Aus meiner Spielerperspektive: Zunächst war Family Inc. für mich leider eine ziemliche Enttäuschung. Push-your-luck kann Spaß machen, aber das haben wir in unseren ersten Runden vermisst. Vielleicht lag es am unglücklichen Spielverlauf, aber leider war dies oft der Fall. So kam auch von den Mitspielenden kein Wunsch nach einer weiteren Partie. Zunächst war die Wertung daher auch schlechter angesetzt.

Doch dann haben wir zu sechst gespielt und siehe da: Family Inc. kann richtig Spaß machen. Die Runde muss groß und möglichst auch heterogen sein, dann kommt richtig Laune auf und eine zweite Partie direkt hinterher! Ich kann also nur nochmal betonen, dass das Spiel etwas für große Runden ist. 

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