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Montag, November 29, 2021
StartJahr2021REVIEW | Rezension Brettspiel Canvas

REVIEW | Rezension Brettspiel Canvas

Ein Spiel, dessen Titel nach Entfernen der Verpackungsfolie nicht mehr auf dem Cover zu finden ist? Kein Spieltitel, kein Designername, kein Verlagslogo? Und dann hat die Verpackung auf der Rückseite noch ein Loch, um es wie ein Kunstwerk an die Wand hängen zu können?

Ein Traum für alle, die keinen Platz mehr in ihren Kallax-Regalen haben und daher nicht mehr wissen, wo sie ihre Spiele noch verstauen sollen. Mit Canvas können sie es einfach an die Wand hängen! Canvas ist nicht nur deshalb ein Spiel, das von der Gestaltung her vieles ganz besonders und anders macht.

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

Als Künstler nehmen wir in Canvas an einem Kunstfestival teil, um aus transparenten Folien Kunstwerke nach bestimmten Wünschen zu gestalten. Zu Beginn des Spiels stehen mir drei noch recht leere Hintergrundkarten zur Verfügung. Während des Spiels sammle ich dann auf der Spielmatte ausliegende Folien mit Bildfragmenten. Immer drei von diesen Folien kann ich mit einer Hintergrundkarte zu einem Kunstwerk vereinen und dann allen präsentieren. Je nachdem, wie gut ich mit diesem Meisterwerk die offen ausliegenden Wertungskarten erfüllen kann, erhalte ich zur Belohnung für meine Mühen Bonusabzeichen in Form kleiner Orden.

Die Wertungskarten verlangen von uns die unterschiedlichsten Bedingungen. Es liegen immer vier von ihnen offen aus und sie gelten für uns alle. Hier wird uns beispielsweise vorgegeben, möglichst alle Farben für das Kunstwerk zu verwenden oder bestimmte Muster und Symbolkombinationen zu erfüllen. 

Jede Wertungskarte ist dabei einer Ordensfarbe zugeordnet. Auch von diesen gibt es vier verschiedene Sorten sowie eine weitere für besondere Boni. Am Ende des Spiels wird ausgewertet, wie viele Orden wir von den jeweiligen Farben erhalten haben. Den Wertungskarten ist zu entnehmen, wie viele Punkte man bei Spielende für eine bestimmte Anzahl an Orden erhält.

Wer an der Reihe ist, darf eine Folie aus der Auslage nehmen oder den Anwesenden ein fertiges Kunstwerk präsentieren. Von den in der offenen Auslage liegenden Folien mit Bildfragmenten darf man immer die erste kostenlos wählen. Wählt man eine weiter hinter liegende Folie, zahlt man je ausgelassener Folie einen sog. Inspirationsmarker. Diese Marker bleiben auf den Folien liegen und können von den nächsten Spieler:innen mit der Folie aufgenommen werden. 

Hat man insgesamt fünf Folien auf der Hand, muss man in der nächsten Runde ein Bild präsentieren.

Auf den Folien sind am unteren Rand Farbklekse abgebildet, die zudem Symbole enthalten. Mit diesen Farben und Symbolen und dem geschickten Übereinanderlegen der Folien versuchen wir, die uns durch die Wertungskarten gestellten Aufgaben bestmöglich zu erfüllen.

Habe ich drei Kunstwerke präsentiert, ist das Spiel für mich vorbei. Wenn alle anderen auch soweit sind, werten wir die für die Kunstwerke erhaltenen Order gemäß den Wertungskarten aus. Wer die meisten Punkte erzielen konnte, gewinnt Canvas.



AUTOR: Jeffrey Chin, Andrew Nerger ■ ILLUSTRATIONEN/GRAFIKDESIGN: Luan Huynh, Jeffrey Chin
VERLAG: Asmodee ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2021

spieler

1-5 Spieler

alter

ab 10 Jahren

zeit

ca. 30 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu Asmodee)


SPIELGEFÜHL

WUN-DER-SCHÖN

Canvas zeigt mit jedem Element, das zu ihm gehört, große Liebe zum Detail. Hier ist vom Cover bis zum Schachtelboden an so Vieles gedacht worden, um ein möglichst immersives, künstlerisches Spielgefühl zu vermitteln. Man kann gar nicht anders , als dies besonders zu loben. Beginnend beim bereits erwähnten textfreien Cover, das als Gemäldeersatz an der Wand platziert werden kann, über das wertige Material, die Textil-Spielmatte, bis hin zu den Folien mit teils niedlichen, verspielten, skurrilen und teilweise berühmten Bildfragmenten… Alles ist toll gestaltet und verdient eine herausragende Erwähnung!!

Folien als Spielmaterial

Die Folien sind in einem Schuber nicht nur bei der Aufbewahrung sicher verstaut, sie schützen die Folien auch beim Spiel vor neugierigen Blicken. Eine sehr gute Lösung! Folien sind zwar nicht immer das beste Spielmaterial, weil sie empfindlich sind und naturgemäß Staub magnetisch anziehen, aber auch daran ist bei Canvas gedacht worden. Durch die Stoff-Spielmatte werden die Folien nicht nur vor dem Zerkratzen auf dem Spieltisch geschützt, sondern auch durch das Verrutschen und die entsprechende Reibung über den Stoff auch immer wieder spielerisch abgewischt. Cleverer Effekt, den es bei Spielen wie z.B. Dive, das ebenfalls mit Folien als Spielmaterial arbeitet, leider nicht gibt. Was beide Spiele eint, ist, dass sich Folien einfach schlecht mischen lassen. 

Die Folien sind zudem alle bei Lieferung noch mit einer Schutzfolie versehen. Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten sicherlich nicht optimal – für alle, die eher zur Sleever-Fraktion gehören sicherlich ein Minimum-Schutz-Standard.

Zurück zum Wesentlichen – es ist ein Spiel

Man könnte vor lauter tollem Material kurz vergessen, dass es sich hier um ein Spiel handelt, auf das wir nun zurückkommen wollen: 
Canvas ist sogar ein sehr zugängliches Spiel. Die Menge an Regeln ist überschaubar, alles ist gut erklärt und kann auch recht einfach weitervermittelt werden. Dies funktioniert auch in Runden mit Wenigspielern gut und wird dort schnell verstanden.

Die Wertungskarten sind zudem auf ihren Rückseiten jeweils exzellent gut erklärt, falls punktuell noch Unklarheit besteht. Wer ein wenig Anleitung benötigt, wie zu starten ist, kann sich der Szenarien bedienen, die das Spiel vorschlägt. So kann man für Einsteiger und Fortgeschrittene jeweils einen geeigneten Start kreieren.

Taktik, Ziele und Punkte

Letztlich hilft aber alle Optik nichts: Es geht auch bei Canvas darum, Aufgaben zu erledigen, Farbvorgaben zu erfüllen, Muster anzuordnen, Symbole zu sammeln oder in einer bestimmten Reihenfolge anzuordnen. Irgendwie muss man ja Kriterien vorgeben, mit denen Punkte zu erzielen sind, um schließlich einen Champion küren zu können.

Da müssen wir dann schnell zurück aus den künstlerischen Sphären und zurück zu geometrischen Formen und taktischen Erwägungen: 

Versuche ich möglichst viele der ausliegenden Wertungskarten zu erfüllen oder spezialisiere ich mich auf eine bestimmte Farbe an Orden, deren Sammlung mir bei Spielende besonders viele Punkte einbringt? Welche Folien stehen mir zu Verfügung, habe ich noch ausreichend Inspirationsmarker, um die letzterreichbare Folie zu ergattern oder lege ich erstmal eine „Nullrunde“ ein und nehme die erste Folie, um mit den darauf liegenden Inspirationsmarkern meinen Vorrat wieder aufzufüllen?

Hier gibt es schon das Ein oder Andere zu überlegen und hin und wieder sind alle Spielerinnen und Spieler in die Betrachtung und das Sortieren ihrer Bildfolgen versunken, so dass es still am Tisch werden kann.

„Das Wagnis der Bestimmung“ oder „Die Schwere der Unordnung“

Kommt es dann zur Präsentation eines Kunstwerkes, gibt es neben anerkennenden „Ohs“ und „Ahs“ auch meist Gelächter. Nicht nur die bisweilen schrägen Bildkompositionen, die oft alles andere als ästhetisch geraten können, dienen der allgemeinen Belustigung. Die Kombination der Folien ergibt auch immer eine Kombination aus Bildtiteln, die häufig treffend, aber manchmal auch ziemlich abgefahren geraten kann. Allein das ist schon immer eine Freude: „Na, wie heißt dein Bild?“ ist meist die erste Frage der Mitspielenden, wenn jemand eine Bildpräsentation ankündigt.

Die Betrachtung des Kunstwerkes ist auf kleinen Staffeleien sicher noch authentischer, leider gehören sie nicht zum Lieferumfang der Retail-Version. Wer Canvas als Kickstarter erworben hat, findet diese im Lieferumfang. Sie machen einen zusätzlichen Reiz aus und vermitteln wirkliches Atelier-Flair. Sicherlich kann man diese im Bastel- oder Dekoladen des Vertrauens aber noch für kleines Geld nachordern, falls Interesse besteht.  

Einstieg, Wiederspielreiz und Varianten

Im Spiel enthalten sind auch Solovarianten, in denen man u.a. – auch recht originell – gegen „Vincent“ spielt. Neben den bereits erwähnten Szenarien sind im Regelheft auch Erfolge abgedruckt, die man sich als Spielziele setzen und bei Erreichen dort eintragen kann.

Die Szenarien sind für den Spieleinstieg wirklich hilfreich, damit man am Anfang nicht überfordert wird. Auch mit neuen Mitspielerinnen und Mitspielern sollte man die Hürde nicht so hoch legen und die einfacheren Wertungskarten verwenden. Ebenso sollte man unbedingt vermitteln, dass man nicht zwingend alle Aufgaben erfüllen muss. An diesem Anspruch kann man ordentlich scheitern und das kann ein wenig frusten.

Ebenso spielt natürlich auch bei der Auslage der Folien ein wenig Glück mit. Wenn hier einfach nicht die benötigten Foliensymbole oder Farben auftauchen, ist eine Partie schnell dahin. Mit 30 Minuten Spielzeit, die auch gut hinkommt, ist dies aber nicht allzu tragisch. Dann spielt man halt eine Revanche. Und dann kann man auch gleich mit den von Schwierigkeitsgrad her steigerbaren Wertungskarten die Messlatte auch gleich ein wenig höher legen…

Unlogische Farbfolien

Zuletzt noch ein kleines Härchen in der wunderschönen Gestaltungssuppe: Was ein bisschen unlogisch ist und bereits von einigen Mitspielenden angemerkt wurde, ist, dass die Farben auf den Folien nicht immer zu den Bildern passen. So gibt es beispielsweise eine Folie, auf dem ein gelber Regenschirm abgebildet ist, unten auf der Folie finden sich aber die Farben blau und rot. Wer damit einen gelben Schirm malen kann, muss noch geboren werden. Ich bin aber geradezu ein bisschen froh, dass hier nicht auch noch alles „passt“ – ein bisschen zu kritisieren muss schließlich sein.


Zusammenfassung

Canvas nimmt uns mit ins Atelier und macht uns im Handumdrehen zu Künstlerinnen und Künstlern. Es weiß durch sein herausragend und mit Liebe zum Detail gestaltetem Material eine tolle Atmosphäre zu schaffen. 

In dieser kreieren wir Kunstwerke, die wir mittels Folien mit Bildelementen zu einem großen Ganzen komponieren. Dabei bleibt Canvas aber auch ein Spiel mit taktischen Elementen: Es gilt mit der optimalen Zusammenstellung der Kunstwerke Wertungskarten zu erfüllen und damit Punkte zu ergattern – es geht daher bei Canvas nicht um einen Schönheitspreis, sondern doch „nur“ um Farben und Formen, die gesammelt und in bestimmter Weise arrangiert werden müssen.

Für alle mit künstlerischer Seele zaubert Canvas aber ein zugängliches Spiel mit schönem Wiederspielreiz auf den Tisch. Es ist aufgrund seines Themas für viele Runden mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen beim Spielen geeignet und dabei auch noch sehr hübsch anzuschauen.

  • Rundum liebevoll thematisch gestaltet und eingebettet
  • Innovatives Spielmaterial mit hohem Aufforderungscharakter
  • Für Einsteiger und Fortgeschrittene geeignet, da Schwierigkeitsgrad steigerbar
  • Empfindliche Folien leiden nach ein paar Partien
  • Es geht letztlich doch um das Erfüllen von Aufgaben und nicht um reine Ästhetik, was man bei Aufmachung des Spiels vermuten könnte, daher folgt das Spiel nicht in allen Elementen 100% dem selbstgesetzten Thema

Aus meiner Spielerperspektive: Canvas hat etwas Besonderes, das lässt sich nicht leugnen. Mit neuen Mitspielenden führt das Spielmaterial immer wieder zu Staunen und Begeisterung und es macht mir großen Spaß, Spiele mit so einer tollen Gestaltung in einer neuen Runde vorzustellen. Da der Aufforderungscharakter des Materials so groß ist, gelingt der Einstieg ins Spiel leicht. Canvas eignet sich daher gut für viele Runden – das macht es zu einem Spiel, das Spieler:innen unterschiedlicher Level gut vereinen kann und dabei jedem Spaß macht.

Hier ein Bild aus der Kickstarter Version mit Staffelei.

2 KOMMENTARE

  1. Schöner Artikel. Vielleicht könnt ihr in einem Edit aber noch den Minuspunkt mit den Folien entfernen? Diese sind nicht dafür gedacht, länger zu halten, sondern sollten nur bei der Herstellung die Karten schützen. Steht auch auf Seite 1 der Anleitung 😊

    • Danke für den Hinweis, dass man das unterschiedlich verstehen kann!
      Gemeint sind hier nicht die Schutzfolien, sondern die Bildfolien selbst, die natürlich bei Benutzung ein wenig durch Fingerabdrücke und Reibung leiden.

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