Donnerstag, September 29, 2022
StartRezensionREVIEW | Rezension Brettspiel Atlantis Rising

REVIEW | Rezension Brettspiel Atlantis Rising

„Späterhin aber entstanden gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen und da versank während eines schlimmen Tages und einer schlimmen Nacht … die Insel ATLANTIS, indem sie im Meer unterging.“ (Platon)

Der bislang ungeklärte Mythos von Atlantis hält die Menschen seit hunderten Jahren in seinem Bann und liefert auch  für das Spiel Atlantis Rising den stimmungsvollen Rahmen für ein kooperatives Spielerlebnis. Hier haben wir sogar die Möglichkeit, die Geschichte zu verändern und zumindest die Bewohner vor dem Untergang zu bewahren und mittels eines Dimensionsportals zu retten. Kann das gelingen?  

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

Atlantis Rising wird kooperativ gespielt. Als wichtige Persönlichkeiten, die sog. Archonten“, versuchen wir zusammen mit unseren Anhängern die Bewohner der Insel Atlantis vor dem Untergang zu bewahren, indem wir Ressourcen und Arkane Energie sammeln, um damit ein Dimensionsportal zu bauen. Schaffen wir es, dieses aus zehn Teilen bestehende Portal zu bauen, bevor die Insel untergeht, können wir die Bewohner in ein „sicheres Land“ führen. Gehen die 36 Inselteile und das Innere – die Quelle Arkaner Energie – unter, haben wir das Spiel verloren.

In jeder Runde setzen wir unsere Archonten, die alle eine individuelle Eigenschaft haben, sowie unsere Anhänger auf den verfügbaren Plätzen auf den Inselteilen ein. 

Dann schlägt das Schicksal zu, indem wir Schicksalskarten ziehen. Diese ziehen meist das Versinken von Inselteilen nach sich oder verbieten für diese Runde bestimmte Aktionen. Gehen dabei Inselteile unter, können sich die darauf positionierten Figuren zwar noch retten, aber nicht mehr ihre Aktionen ausführen. 

Die Aktionsphase folgt erst jetzt: Alle nicht „versunkenen“ Figuren können nun Rohstoffe erwirtschaften oder aufwerten, Bibliothekskarten erhalten, weitere Anhänger rekrutieren, am Dimensionsportal bauen oder im zentralen Teil der Insel Arkane Energie bekommen. Sobald wir im Dimensionsportal bereits Module verbaut haben, sind auch dort ggf. weitere Aktionen möglich. 

Die meisten Aktionen sind an Würfelergebnisse geknüpft. Das Durchführen von Aktionen ist an die Bedingung bestimmter Würfelgebnisse geknüpft. Die notwendige Augenzahl wird in Richtung Inselinneres immer höher, so dass das Erreichen der geforderten Bedingung immer schwieriger wird, je mehr Inselteile von außen wegbrechen. 

Nach der Aktionsphase erleben wir noch den Zorn der Götter: Der entsprechende Marker zeigt immer an, wie viele Inselteile nun zusätzlich versinken – im Laufe des Spiels werden dies immer mehr, so dass wir bei unserer Mission keine Zeit verlieren sollten…

Das Spiel eignet sich für ein bis sieben Spieler:innen. Zu Dritt gibt es eine kleine Anpassung in der Anzahl der Anhänger. Zu Zweit spielt eine weitere Archontenfigur in Form eines „Hologramms“ mit. Ebenso ist Atlantis Rising auch solo spielbar. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich durch die Wahl der Module für das Dimensionsportal sowie durch die Modifikation der Schicksalskarten anpassen und nach und nach steigern.



AUTOR: Galen Ciscell ■ ILLUSTRATIONEN/GRAFIK: Vincent Dutrait, Peter Gifford
VERLAG: Skellig Games ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2021

spieler

1-7 Spieler

alter

ab 10 Jahren

zeit

ca. 60-120 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu )


SPIELGEFÜHL

Basisbetrachtung: Regeln, Material, Optik

Die Regeln von Atlantis Rising sind zugänglich und verständlich sowie optisch toll gestaltet. Zu Beginn jedes Abschnitts werden die nun folgenden Regeln mit ein oder zwei Sätzen thematisch in die Geschichte eingebettet. Alles passt stimmungsvoll in die Spielgeschichte. Der Start in die erste Partie ist daher schnell möglich, lediglich die Vorbereitung des Decks dauert etwas. Das Spiel enthält zudem wertiges Material und eines der besten Inlays, die mir in der letzten Zeit begegnet sind – da gibts wirklich nichts zu meckern.

Auch die Gestaltung des Spielmaterials ist sehr gut gelungen. Auf die Ausgestaltung der Archonten auf den Spieltableaus wurde hoher Wert gelegt und es ist sehr positiv zu bewerten, wie divers die Charaktere ausgearbeitet wurden. Die gesamte Gestaltung des Spiels kommt sehr farbenfroh daher – sie lässt einen die Angst des Versinkens beinahe vergessen. Nur die Gestaltung der Würfel passt irgendwie so gar nicht ins Bild…

Da bekommt man schnell nasse Füße…

In der ersten Partie ist die Lernkurve immens hoch – wir lernen hier erst einmal kennen, wie die Dinge zusammenspielen und vermutlich schafft es niemand in der ersten Partie, die Einwohner von Atlantis bei Spielende zu retten. In ein, zwei Partien muss erstmal erprobt werden, welche Strategie zum Erfolg führen kann. Hier ist es dann auch sinnvoll, in der gleichen Gruppe zu spielen, um die notwendigen Kenntnisse im Team aufzubauen.

Atlantis Rising bietet dabei allen ein sehr immersives Spielgefühl, denn je mehr Inselteile wegbrechen, desto nasser werden die Füße und das Stresslevel aller Mitspielenden steigt. Hier muss wirklich gut und konzentriert zusammengearbeitet werden, damit der Rettungsplan gelingen kann.

Und das Spiel kann wirklich fies sein!

Die Wirkungsweise des Spiels hat einige Kniffe in petto, um uns das Leben wirklich schwer zu machen. Abgesehen davon, dass sich in den Schicksalskarten so manche böse Überraschung verbergen kann und am Ende jeder Runde der Zorn der Götter unbarmherzig zuschlägt, hängt unser Erfolg bei der Gewinnung von Rohstoffen und der Rekrutierung neuer Anhänger immer von einem Würfelergebnis ab. Und wer kennt das nicht? Manchmal läuft es halt nicht…

Natürlich bietet Atlantis Rising Möglichkeiten, schlechten Würfelergebnissen mit Modifikatoren nachzuhelfen. Aber wenn es richtig übel läuft, reicht das auch nicht aus und es wird frustig. Das ist aber den meisten Spieler:innen, die sich mit solchen kooperativen Spielen auskennen nicht fremd. Mit Anfänger:innen im Bereich von Koop-Spielen sollte man Atlantis Rising nicht unbedingt spielen, denn damit kann nicht jede:r umgehen. Wer das kennt und kooperative mag, kann sich hier gut entfalten, Rückschläge sportlich hinnehmen und mit einer „Jetzt-erst-recht“-Haltung wieder in die Schlacht gegen das drohende Unheil ziehen.

Was können wir dagegen tun?

Wie bei jedem kooperativen Spiel ist es wichtig, sich gut abzustimmen und alle Optionen gut zu nutzen, die einem das Spiel bietet. Arbeitet zusammen, teilt euch schlau auf, schützt euch gegenseitig mit euren Archonten, nutzt deren Fähigkeiten schlau. Holt euch weitere Anhänger zur Verstärkung oder bindet Helfer:innen für die nächsten Runden ein. Nutzt Arkane Energie für Energiebarrieren oder die Reaktivierung von Inselteilen, baut gemeinsam am Dimensionsportal und nutzt die Fähigkeiten klug, die euch die Bibliothekskarten bringen. Diese Karten sind nicht zu unterschätzen und vor allem wenn die eingemischten Artefakte, die dauerhaften positive Effekte bringen, früh ins Spiel kommen, bringt es die Gruppe dem Erfolg deutlich näher.

Gemeinsam gegen die Fluten

Gut finde ich, dass die Einsetzphase der Archonten und Anhänger gleichzeitig erfolgt und sowieso immer alle Phasen gemeinsam durchschritten werden. So sind immer alle in das Spielgeschehen involviert, man kann sich schön aufteilen und Aufgaben im Team besprechen á la „Soll ich noch eine Figur aufs Gold setzen und du konzentrierst dich ganz auf die Gewinnung von Erz und die Umwandlung in Atlantium?“ Die Kooperation wird auch dadurch gefördert, dass Module für das Dimensionsportal von mehreren Mitspieler:innen gebaut werden können. Sie müssen dann zwar alle eine Figur auf den Aktionsplatz für das Bauen einsetzen, können dann aber ihre Ressourcen zusammenwerfen und kommen so schneller zum Ziel.

Vor lauter Eifer und Absprache vergisst man hin und wieder mal, dass nun die Gegenseite am Zuge ist – der Zorn der Götter am Rundende darf nicht vergessen werden! Dieser schlägt umbarmherzig zu, aber hier dürfen wir immerhin selber entscheiden, von welchen Inselteilen wir uns gemeinschaftlich verabschieden dürfen.

Gruppendynamik

Das gesamte Spiel steht und fällt mit der Gruppe, mit der man es spielt. Wie kooperativ sind die Mitspielenden, wird viel miteinander gesprochen und hilft man sich mit Fähigkeiten über die Artefakte oder Bibliothekskarten. In kleineren Runden habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sich gut abstimmen kann und gut am gemeinsamen Strang ziehen kann. 

Leider konnte ich das Spiel pandemiebedingt nicht in ganz großen Runden ausprobieren. Hier vermute ich, dass die Abstimmung etwas schwieriger verläuft oder sich schneller Alphaspieler:innen herauskristallisieren können.

Das ist aber eine reine Vermutung.

Ebenso reine Vermutung, aber durchaus für den Langzeitspielreiz relevant, ist, dass man das Spiel möglichst in der gleichen Runde weiterspielt. Mit neuen Runden fängt man immer wieder von Vorne und damit vermutlich auf dem Einsteigerniveau an. Will man sich in den Schwierigkeitsstufen weiterentwickeln und erleben, was das Spiel in weiteren Stufen zu bieten hat, sollte man an den Mitspielenden festhalten und gemeinsam weiterkämpfen. 

Egal in welcher Runde: Wenn ihr erfolgreich seid, dann vergesst nicht, den gemeinsamen Erfolg bei Spielende ordentlich zu feiern – dafür hat sich die gesamte Denkarbeit doch gelohnt!

Verwaltungsaufwand und Begrifflichkeit

Zwei Mankos zum Schluss: Auch bei Atlantis Rising gibt es ein wenig Verwaltungsaufwand zu erledigen. Man muss in jeder Partie auf dem Schirm haben, welche Fähigkeiten die Mitspielenden haben, welche Artefakte stehen gerade zur Verfügung, was kann ich mit meinen Bibliothekskarten noch bewirken. Es gibt viel zu bedenken. Gerade beim Spiel zu Zweit, wenn das Hologramm mitspielt, wird jede Runde für dieses Hologramm ein neuer Archont gezogen – die entsprechenden Fähigkeiten muss man sich immer wieder bewusst machen, damit die Fähigkeiten nicht ungenutzt verpuffen.

Der zweite Punkt ist, dass die Begrifflichkeiten manchmal nicht unbedingt beim Verständnis helfen. Das Spiel bleibt zwar sehr thematisch, aber (siehe „Fragen und Antworten“) Sätze wie „Seelensiegel und Seelentransformer beziehen sich auf Anhänger, nicht auf Atlanten. Kann ich dort auch Helfer oder Archonten einsetzen?“ Sehr thematisch, ja, aber trotzdem bleiben Fragezeichen… 


Zusammenfassung

Ein abschließendes Fazit zu Atlantis Rising kann ich sicher noch nicht ziehen – dafür müsste ich es noch in viel mehr unterschiedlichen Runden und in anderen Schwierigkeitsstufen spielen, was leider derzeit nicht möglich ist:

Bislang jedoch kann ich sagen, dass Atlantis Rising ein thematisch sehr stimmiger Vertreter der kooperativen Spiele ist und dabei eine Menge Varianz und Möglichkeiten mit sich bringt. Hier gilt es, gut und klug zusammenzuarbeiten, die Kräfte zu bündeln und mit richtigem Timing und ein wenig Würfelglück den Erfolg der Gruppe voranzutreiben. Für einen garantierten Fortschritt in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen sollte man dabei möglichst und in der gleichen Gruppe bleiben. 

Mit Atlantis Rising erhält man ein sehr immersiv wirkendes und optisch schön gestaltetes Spiel mit schönen Komponenten. Wer gerne kooperativ und auf Kennernivau spielt, macht hier sicher nichts falsch. Anfänger:innen in diesem Genre holen sich vermutlich erstmal eine blutige Nase, können aber auch eine ganze Menge lernen.

  • Tolle Gestaltung, wertiges Material und ein hervorragendes Inlay
  • Erzeugt ein sehr immersives Spielgefühl
  • In Schwierigkeitsstufen anpassbar
  • Gefälle zwischen Neueinsteiger:innen und Fortgeschrittenen, daher sollte die Spielgruppe möglichst gleich bleiben
  • Erfordert Überblick und ein wenig Verwaltungsaufwand
  • Glückselemente können sich sehr negativ auswirken und für ordentlich Frust sorgen

Aus meiner Spielerperspektive: Atlantis Rising gefällt mir optisch sehr gut und auch das Spielgefühl, dass es in der richtigen Runde erzeugt gefällt mir gut. Gerade das Thema hat mich hier abgeholt, denn ich finde es besser, in einer solchen mythologischen Geschichte zu spielen, als gegen Monster oder andere Endgegner.

Ich bin aber nicht der größte Fan von kooperativen Spielen und leide unter chronischem Würfelpech – blöde Kombi. Das ist dann nicht nur für mich, sondern auch für die Gruppe frustig. Läuft es aber ausnahmsweise mal gut, genieße ich den Erfolg umso mehr – Atlantis Rising macht es möglich, dies auch mal zu erleben und legt die Hürde nicht von Anfang an ins Unerreichbare!

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