Samstag, April 20, 2024
StartJahr2023REVIEW | Rezension Brettspiel Bücher der Zeit

REVIEW | Rezension Brettspiel Bücher der Zeit

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Nichts Geringeres als die Errungenschaften der Menschheitsgeschichte sind das Thema von Bücher der Zeit. Die Errungenschaften in Bezug auf Industrie, Wissenschaft und Handel sollen hier im Mittelpunkt stehen, weil wir sie in Chroniken sammeln und so in die Geschichte eingehen lassen. Wie auch in anderen Spielen derzeit (z.B. Trekking – Reise durch die Zeit) lässt sich hier einiges über historische Ereignisse lernen. Dennoch steht hier der Mechanismus der Bücher, in die wir per Ringbuchmechanismus einheften können, im Vordergrund – schauen wir uns diesen „Bookbuilder“-Mechanismus doch mal an.

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

In Bücher der Zeit ist es unsere Aufgabe, die Geschichte der Errungenschaften der Menschheit in Bezug auf Industrie, Wissenschaft und Handel in unseren Chroniken festzuhalten. Zu diesem Zweck erhalten alle Mitspielenden drei Ringbücher, in denen sie im Laufe des Spieles neue Seiten einheften können. 

Das Spiel wird über 16 Runden gespielt. In jeder Runde wird in unserer gemeinsamen Chronik eine neue Doppelseite aufgeschlagen. Eine der beiden dort abgedruckten Optionen können wir in unserem Zug nutzen. 

Neben dieser Chronikaktion haben wir die Wahl zwischen 6 Aktionen:

  • Wir dürfen neue Seiten für unsere Bücher aus der offenen Auslage nehmen und unserer Geschichtsleiste hinzufügen.
  • Wir dürfen gegen die Abgabe von Stiften und Papier Seiten aus der Geschichtsleiste in unsere Bücher einheften und die darauf abgedruckten Sofortboni nutzen.
  • Wir dürfen eine Doppelseite in einem unserer Bücher aktivieren und die dort abgedruckten Fähigkeiten aktivieren. 
  • Wir dürfen ein Buch zuklappen und die Sofortboni der umgeklappten Seiten nutzen. 
  • Wir dürfen jeweils eine Seite in bis zu drei Büchern umblättern und den Sofortbonus auf den jeweiligen Seiten nutzen.
  • Wir dürfen auf dem Zivilisationsplan gegen Zahlung entsprechender Ressourcen auf einer der drei Leisten eine Stufe hinaufklettern. Als Belohnung dürfen wir entweder den Bonus des Feldes nutzen, auf dem wir landen oder einen sog. Meilenstein freischalten.
  • Die Meilensteine sind Aufgaben, die uns für die jeweiligen Bücher gestellt werden. Im gelben Buch sammeln wir Seiten mit bestimmten Symbolen in bestimmter vorgegebener Reihenfolge. Im roten Buch sammeln wir bestimmte Symbole in vorgegebener Menge und Kombination und im grünen Buch sammeln wir unterschiedliche Symbole. Die Vorgaben sind für jeden Mitspielenden ein wenig anders. Durch das Freispielen von Meilensteinen müssen wir immer umfänglichere Aufgaben erfüllen, können aber auch nur so mehr Vermächtnispunkte am Spielende erreichen. 

Punkte erlangen wir während des Spiels durch bestimmte Aktionen oder durch das Erreichen bestimmter Wertungsstufen auf den Leisten des Zivilisationsplans. Bei Spielende werden dann die Meilensteine ausgewertet und ggf. weitere Punkte ausgeschüttet, sofern man auf dem Ende der Leiste auf dem Zivilisationsplan angekommen ist. Auch übriggebliebene Ressourcen werden umgerechnet. Wer dann die meisten Punkte erzielen konnte, gewinnt Bücher der Zeit.



AUTOR: Filip Glowacz ■ ILLUSTRATIONEN: Zbigniew Umgelter, Aleksander Zawada
VERLAG: Board & Dice | Giant Roc ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2023

spieler

1-4 Spieler

alter

ab 14 Jahren

zeit

ca. 45-60 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu BGG)


SPIELGEFÜHL

Bücher der Zeit kommt mit bemerkenswertem Material daher: Die Ringbücher, in denen wir blättern, unsere Lesezeichen einlegen und in die wir unsere Seiten einheften, haben auf mich von Anfang an großen Aufforderungscharakter ausgeübt. Da ich beruflich einen Verlagshintergrund habe, triggert mich das Material und das Thema sehr. Ich finde allerdings, dass das Thema – entscheidende Errungenschaften der Weltgeschichte zu sammeln – hinter der Dominanz der Spielmechanik sehr in den Hintergrund gerät. Ich sammle gerne die Seite, blättere vor und zurück und habe Spaß an der Nutzung der vielfältigen Aktionsoptionen, allerdings fühle ich mich während des Spiels nicht als „Chronist der Menschheitsgeschichte“. Auch, wenn das Spielmaterial mit den Büchern, der Chronik auf ihrem Pult, den Füllfederhaltern und Lesezeichen viel für Atmosphäre auf dem Spieltisch tut. Das gesamte Spielmaterial ist zudem so üppig, dass man nach jeder Partie kaum weiß, wie man es wieder geordnet in die Schachtel zurückbekommt – ein Spiel im Spiel.

Holpriges Kennenlernen

Der Einstieg in das Spiel gelang uns nicht ganz so einfach. Zum einen war ich vom Spiel ein wenig überrascht, denn es ist komplexer und anspruchsvoller, als ich erwartet hatte. Zum anderen half uns die Regel beim Einstieg auch nicht optimal. Nirgendwo im Regelheft findet sich ein umfängliches Beispiel für Spielzüge, dabei muss hier doch eigentlich eine ganze Menge erklärt werden: Wenn man das Spiel gut spielen möchte, gelingen einem Kettenzüge. Dabei ergeben sich Zusammenhänge, die in ihrem Zusammenwirken erklärungsbedürftig sind – beispielsweise, wenn man durch bestimmte Aktionen in den Büchern auch Aktionen auf den Leisten bewirken kann und diese dann wiederum weitere Wertungen auslösen.

Positiv zu erwähnen ist die beiliegende Spielerhilfe, die die Aktionsmöglichkeiten und die Symbolsprache, über die im Spiel viel läuft, zusammenfasst.

Bookbuilding

Die Spielmechanik ist neu und daher unverbraucht. Ein bisschen Set Collection, ein bisschen Engine Building und ein bisschen – wie ich es hier bezeichnen möchte – Bookbuilding. In den Büchern, die nach unterschiedlichen Prinzipien erweitert werden wollen, muss man schon sehr gezielt zu Werke gehen. Sehr interessant und herausfordernd ist, dass jedes Buch eine andere Vorgehensweise erwartet: 

  • Um im roten Buch erfolgreich zu sein, muss man immer die Auslage im Blick haben, um zur rechten Zeit die richtigen Symbole einzusammeln, damit uns niemand diese vor der Nase wegschnappt.
  • Das grüne Buch funktioniert ähnlich. Hier sind die Symbole möglichst unterschiedlich zu sammeln, aber die Vorgaben sind nicht so eng wie beim roten. Aber auch hier gilt es: Immer die Auslage im Blick haben, ob hier etwas zu bekommen ist, was noch fehlt.
  • Im gelben Buch kommt dann noch die Reihenfolge als Aspekt hinzu, der durch die Meilensteine vorgegeben ist. Da benötigen wir nicht nur die vorgegebenen Symbole, sondern müssen auch noch die richtige Einheftungsreihenfolge beachten. Dafür gibt es hier aber auch die meisten Punkte zu erzielen. 

Immer alle Optionen durchdenken und das Beste herausholen

Die Optionen des eigenen Spielzuges ergeben sich daher immer aus dem, was gerade in der offenen Auslage verfügbar ist, an welcher Stelle wir auf den Leisten des Zivilisationsplanes stehen, welche Optionen und die Chronik an die Hand gibt und welche Seiten gerade in unseren Büchern offenliegen – eine Menge zu beachten! 

Da die Möglichkeiten der Chronik erst nach dem Umblättern zu Beginn einer neuen Runde bekannt werden, kann es im Spiel schonmal zu ordentlich Downtime kommen, denn nach Bekanntwerden dieser Information muss nochmal erwogen werden, ob die Planungen, die wir bislang getroffen haben, nochmal angepasst werden müssen und wir ggf. noch weiter optimieren können. Das Spieltempo ist daher ggf. nicht immer flott. Grübeleien sind hier auch bei eher Bauchspielenden an der Tagesordnung – das sollte man berücksichtigen.

Was Ihr wissen solltet!

Es ist wichtig und nur fair, neuen Mitspielenden einige Informationen an die Hand zu geben, die man sonst ggf. erst schmerzlich in der ersten Partie erlernt. Dazu gehört, dass man am Ende der Leisten immer Aktenordner benötigt, um die letzten lukrativen Stufen dort zu erklimmen. Diese Aktenordner sind nicht unbedingt leicht zu bekommen. Man erhält sie unten auf den Leisten und sollte sie während des Spiels nicht unbedacht und sorglos als Joker einsetzen, weil man sie dann später, wenn man sie dann dringend oben auf den Leisten benötigt, nicht so einfach bekommt. Außerdem kann man mit dem letzten Schritt auf den Leisten keine Meilensteine mehr freischalten – das sollte man einplanen, damit man nachher nicht enttäuscht ist. 

Ebenso sollte man einen Hinweis darauf geben, dass es zwar eine legitime Möglichkeit ist, Seiten umzublättern und so die Boni zu nutzen, man aber dann ggf. einige Spielzüge benötigt, um wieder eine bestimmte geforderte Reihenfolge an Symbolen wiederherzustellen. Dies ist gerade beim gelben Buch ganz erheblich, wo es sowieso ratsam ist, von hinten nach vorne zu arbeiten, so dass man die geforderte Reihenfolge durch reines „Draufheften“ erreichen kann. 

Welcher Meilenstein darf es sein?

In Bezug auf die Meilensteine ist Spezialisierung meist sinnvoll. Wenn man sich breit aufstellt und an allen drei Meilensteinen gleichzeitig arbeitet, kann man sich vertändeln. Wenn man sich spezialisiert und damit auf die Erfüllung von ein oder zwei Meilensteinen auf der punkteträchtigsten Ebene konzentriert, ist das meist zielführender. Aber wehe es kommen die passenden Seiten nicht in die Auslage, dann wird es natürlich schwierig. 

Bei Bücher der Zeit hängt es daher auch schonmal vom Glück ab, ob man an die Seiten mit den benötigten Symbolen gelangen kann. Es kann am Zufall und an der Reihenfolge des Aufdeckens hängen, ob man schnell bei den gesteckten Zielen weiterkommt. Im Spiel zu zweit wechselt beispielsweise die offene Auslage auch nicht so schnell, so dass man in kleinerer Runde eher die Chance hat, die begehrten Seiten dort auch zu bekommen. Kommen noch drei Mitspielende vor einem an der Reihe, ist es sehr unwahrscheinlich, dass noch ausliegt, was man sich erhofft. 

Immer flüssig bleiben…

Läuft man bei den Ressourcen Füllfederhalter und Papier auf Null, ist es manchmal sehr schwer, aus diesem Manko wieder rauszukommen – dies wäre auch noch ein Tipp für Neulinge! Man kann ein bisschen unglücklich an einen Punkt im Spiel kommen, wo man gar keine Ressourcen hat. Dann kann es übel werden, da man dann auch nichts mehr hat, mit dem man neue Seiten in die Bücher einheften kann. Wenn dann in den Büchern gerade keine Optionen mehr ausliegen, mit dem man Füllfederhalter und Papier erhalten kann, muss man sich aus dieser Ebbe mühsam herausarbeiten. Daher sollte man es nicht so weit kommen lassen!

Und dann noch das und das und …

Durch die sechs Aktionsmöglichkeiten hat man aber eigentlich immer eine Möglichkeit, die man alternativ ergreifen kann. Auch die Aktionen, die man durch die Chronik durchführen kann, helfen häufig genau zur rechten Zeit weiter und bietet ein schönes, ungeplantes Zusatzangebot an Optionen. Stellt man es geschickt an und die Pläne und Zusatzoptionen befruchten sich gegenseitig, kann man hin und wieder sehr schöne und belohnende Kettenzüge durchführen, mit denen man dann sehr zufrieden sein kann. 

Geschmackssache

Ein abschließendes Wort noch zur Gestaltung des Spiels: Wie eingangs bereits erwähnt sind die Komponenten des Spiels üppig und liebevoll gestaltet. Allerdings gefallen mir die Farbgebung der Seiten sowie die darauf befindlichen Illustrationen leider überhaupt nicht. Sicherlich kann ich verstehen, dass die Farbwahl wichtig für die Unterscheidung der einzelnen Themen bzw. Bücher ist, allerdings hätte das Spiel in Beige-Braun-Tönen thematisch stimmiger ausgesehen. 


Zusammenfassung

Bücher der Zeit ist ein gehobenes Kennerspiel, das von den Spielenden gleichzeitig sorgfältige Planung als auch die spontane Reaktion auf aktuelle Gegebenheiten verlangt. Dabei müssen die Spielenden sowohl vorwärts als auch rückwärts denken und verlieren sich schonmal in längere Grübeleien. Das Thema ist dabei stimmig in das Spiel und den Spielmechanismus des „Bookbuildings“ implementiert, da wir als Chronisten Bücher zu bestimmten Themen zusammenstellen. 

Bei Bücher der Zeit benötigt man ein, zwei Partien, um richtig reinzukommen und man wird besser und erfolgreicher, je öfter man es spielt, da man dann die Vielschichtigkeit und die Optionen, die das Spiel bietet, immer besser anzuwenden weiß.

  • Innovativer, unverbrauchter Spielmechanismus
  • Herausfordernder Mix aus Planung und Reaktion auf aktuelle Gegebenheiten
  • Stimmige Themeneinbindung durch Spielmechanismus und Spielmaterial mit Aufforderungscharakter
  • In den Regeln fehlen Beispiele und die ein oder andere Kleinigkeit zur Klarstellung
  • Recht hoher Glücksfaktor für ein Spiel, das viel strategische Planung erfordert
  • Gefälle zwischen Neulingen und Erfahrenen muss durch Hinweise auf bestimmte Faktoren ausgeglichen werden

Aus meiner Spielerperspektive: Bücher der Zeit hat mich aufgrund des Themas und der Ausstattung sofort angesprochen. Ich wurde in Bezug auf das die thematische Umsetzung nur hinsichtlich des fehlenden Feelings enttäuscht – der mechanische Anspruch steht deutlich im Vordergrund. 

Spielmechanik und Anspruch gefallen mir aber gut und ich spiele Bücher der Zeit immer gerne mit. Allerdings gelingt es mir bei diesem Spiel nicht so einfach, mich zu fokussieren. Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich gedanklich oft hin und her springe und wie stark ich mich konzentrieren muss, um meinen Plan für den nächsten Zug zu fassen. Dies kann aber ein absolut subjektives Empfinden sein….

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