StartAllgemeinReinhold Wittig (1937–2026): Ein Pionier der deutschen Brettspielkultur

Reinhold Wittig (1937–2026): Ein Pionier der deutschen Brettspielkultur

Am 11. April 2026 ist Reinhold Wittig in Göttingen gestorben – in der Stadt, in der er geboren wurde, gelebt und gewirkt hat. Der Spieleautor, Künstler und Geologe wurde 89 Jahre alt. Mit ihm verliert die Brettspielwelt eine ihrer prägendsten Persönlichkeiten: einen Mann, der nicht nur über 130 Spiele veröffentlichte, sondern die Branche strukturell und kulturell verändert hat.

Bildquelle: Hilko Drude

Wissenschaft als Fundament

Wittig studierte von 1957 bis 1963 Geologie und promovierte 1969 zum Dr. rer. nat.. Als Planeten-Geologe arbeitete er an der Universität Göttingen und war seit den frühen 1970er Jahren regelmäßig in Namibia unterwegs – für Forschungen zu prähistorischen Erdbeben, aber auch mit Kamera und künstlerischem Interesse. Parallel dazu hatte er schon in den späten 1950er Jahren begonnen, Spiele zu entwickeln, darunter frühe Werke wie Wikingerschach und Piratenbillard – zunächst ohne kommerziellen Anspruch, eher als handwerklich-künstlerische Tätigkeit.

Edition Perlhuhn: Spiel als Kunst

Den entscheidenden Anstoß zur Professionalisierung lieferte 1974 der Göttinger Kunstverein, der Wittig bat, eine „spielbare Grafik“ zu veröffentlichen. Das Ergebnis war Wabanti – ein Spiel aus Schraubenmuttern, ohne Schachtel, in einer nummerierten Auflage von 24 Exemplaren. Die positive Resonanz bewog ihn 1976, gemeinsam mit Hubertus Porada den Kleinverlag Edition Perlhuhn zu gründen. Der Name entstammt einer Reise nach Namibia; ein Foto mit Perlhühnern lieferte das Verlagslogo.

Die Edition Perlhuhn stand von Anfang an für handgefertigte Spiele in Kleinserie, bei denen Design, Material und Spielmechanik eine Einheit bildeten. In den 1980er Jahren kooperierte Wittig mit dem Franckh-Kosmos-Verlag und brachte eine Reihe opulent ausgestatteter Familienspiele auf den Markt, die jahrelang zu den Bestsellern des Verlags zählten. Insgesamt erschienen über 100 Spiele in der Edition Perlhuhn.

Der Bierdeckel als Wendepunkt

Wittigs einflussreichster Moment war buchstäblich auf einem Bierdeckel festgehalten. Auf dem Perlhuhn-Abend der Nürnberger Spielwarenmesse 1988 schrieb er den Satz:

„Keiner von uns gibt ein Spiel an einen Verlag, wenn sein Name nicht oben auf der Schachtel steht!“

Dreizehn damals bekannte Spieleautoren unterschrieben noch in derselben Nacht. Wittig soll im Anschluss zweimal ein lukratives Vertragsangebot erhalten haben, verbunden mit der Forderung, den Bierdeckel zu vernichten. Er lehnte beide Male ab. Dieser Schritt gilt als Gründungsmoment der Anerkennung von Spieleautoren als kreative Urheber. Heute wird der Bierdeckel im Deutschen Spielearchiv in Nürnberg aufbewahrt.

Das Göttinger Spieleautoren-Treffen

1983 lud Wittig gemeinsam mit seiner Frau Karin erstmals zu einem Spieleautoren-Treffen nach Göttingen ein. In diesem Kontext prägte er auch bewusst den Begriff „Spieleautor“ – eine Abgrenzung zum anonymen Spielentwickler und ein Signal für die künstlerische Eigenständigkeit der Tätigkeit. Das Treffen wuchs über die Jahrzehnte zu einem der wichtigsten Branchentreffpunkte Deutschlands, bei dem jährlich mehrere Hundert Menschen Prototypen präsentieren und Verlagskontakte knüpfen. Als Wittig 80 Jahre alt wurde, übergab er die Organisation an die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ), die das Treffen seither gemeinsam mit der Stadt Göttingen weiterführt.

Auszeichnungen und künstlerisches Wirken

Fünfmal erhielt Wittig den Sonderpreis „Schönes Spiel“ der Jury Spiel des Jahres – 1980, 1983, 1986, 1993 und 1994. 2020 wurde er in die Hall of Fame der Academy of Adventure Gaming Arts & Design (GAMA) aufgenommen, eine der höchsten Auszeichnungen im internationalen Tabletop-Bereich. 2003 erhielt er die Ehrenmedaille der Stadt Göttingen und weihte im selben Jahr den Göttinger Planetenweg ein – eine maßstabsgetreue Darstellung des Sonnensystems, die sich vom Bahnhof bis ins Dorf Diemarden erstreckt.

Auch im Göttinger Stadtbild hinterließ er Spuren: die Spiellokomotive in der Fußgängerzone (1974), die steinerne Installation König Artus Tafelrunde (1990) und rund 200 Marionetten, die er über Jahrzehnte in seinem Marionettentheater Collegium Magicum auftreten ließ. Im März 2026 – wenige Wochen vor seinem Tod – wurden frühe Marionetten noch einmal im Kunsthaus Göttingen ausgestellt, bevor sie an ein Münchner Museum übergeben wurden.

Ein Vermächtnis in drei Dimensionen

Reinhold Wittig hat die deutsche Spielekultur auf drei Ebenen geprägt: als produktiver Autor mit zeitlosen Titeln wie „Spiel“Volta und Piratenbillard; als Verleger, der Spiele konsequent als Kunstgegenstände behandelte; und als Aktivist, der mit einem Bierdeckel dafür sorgte, dass Spieleautoren heute namentlich auf den Schachteln stehen. Die Strukturen, die er schuf – das Göttinger Treffen, den Begriff des Spieleautors, den Verlag Edition Perlhuhn – wirken bis heute. Auf BoardGameGeek und in der internationalen Community wurden nach seinem Tod zahlreiche Nachrufe veröffentlicht, die ihn als „Wegbereiter einer ganzen Autorengeneration“ würdigten.

Quellen:

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