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REVIEW | Rezension Brettspiel Graffiti

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Dass sich das Autorenduo Ruskowski/Süßelbeck gerne beim Brettspiel mit Malereien im weitesten Sinne beschäftigt, haben sie bereits 2010 bei Queen Games mit dem Spiel Fresco unter Beweis gestellt. Hier ging es darum, das Deckenbild eines Doms zu restaurieren und die Maler mussten früh aufstehen, um sich auf dem Markt die benötigten Farben zu sichern, um dann die Bilder erstellen zu können.

Die Spielprinzipien von Graffiti sind ähnlich, das Setting wurde im Jahr 2023 allerdings in ein deutlich moderneres Umfeld verlegt: Der Dom weicht dem Leake Street Tunnel in London, die Pinsel weichen den Sprühdosen und die Renaissancemalerei weicht modernen Graffitis. Früh aufstehen muss hier heute auch keiner mehr. Wie Graffitifunktioniert, lest ihr im Folgenden.

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

Im Brettspiel Graffiti befinden wir uns im Leake Street Tunnel in London, in dem gegen entsprechende Erlaubnis Graffitis gesprüht werden dürfen. Diese bestehen aus unterschiedlichen Teilstücken, die vor uns auf dem Spielplan ausliegen. Außerdem befinden sich die zu gestaltenden Graffitis in unterschiedlichen Abschnitten des Tunnels, für die man jeweils eine Erlaubnis benötigt, sofern man dort sprühen möchte.

Ziel ist es, hier entweder lukrative Teilstücke von einzelnen Graffitis fertigzustellen oder bei Spielende an fertiggestellten Graffitis beteiligt zu sein. Graffitis erstellen wir gegen Abgabe von Farbdosen in den auf den Teilen geforderten Farben. 
Das Spiel wird über mehrere Runden gespielt, bis das sechste Graffiti fertiggestellt wurde. 

Wir spielen abwechselnd. Wer an der Reihe ist, darf eine oder zwei seiner fünf Spraydosen einsetzen, um eine der vier unterschiedlichen Aktionen ausführen zu dürfen. Wer keine Spraydosen mehr zur Verfügung hat, muss bis zum Ende der Runde passen.

Die Aktionen:

  1. Farbplättchen erhalten
    Auf dem Farbtableau können Spraydosen mit den Sonderfarben schwarz und grün, die Grundfarben rot, gelb und blau sowie Dosen mit einer Zweier-Kombination aus den Grundfarben erworben werden. Die Farbdosen benötigen wir für das Fertigstellen von Graffititeilen und müssen sie dafür ausspielen.
  2. Erlaubnis holen
    Auf dem Tableau mit den Erlaubnisplättchen können wir Plättchen mit den Werten 1-5 erwerben. Auch diese benötigen wir, wenn wir Graffitis in den jeweiligen zugeordneten Tunnelabschnitten fertigstellen wollen. 
  3. Graffiti sprayen
    Dazu setzen wir auf dem Spielplan eine Spraydose in den Abschnitt, in dem wir das Graffiti sprayen wollen. Wir geben außerdem ein Erlaubnisplättchen mit der Zahl des jeweiligen Tunnelabschnitts ab sowie Farbdosen, die vom Teilstück des Graffitis gefordert werden. Das von uns gesprühte Teilstück markieren wir mit einem Tag in unserer Spielfarbe.
  4. Bonusplättchen nehmen
    Bonusplättchen erhalten wir auf dem Bonusplättchentableau. Diese geben uns Vorteile oder zusätzliche Möglichkeiten. Hier bekommen wir auch den Bobby mit dem wir einen Farbjoker erhalten oder nur eine statt geforderter zwei Spraydosen für Aktionen abgeben müssen.

Werden Teilstücke der Graffitis fertiggestellt, tragen wir die entsprechenden Punkte auf der Punkteleiste ab. Haben alle Mitspielenden gepasst, erhalten alle ihre Spraydosen wieder zurück. Außerdem erhalten alle zwei der in dieser Runde verwendete Farbdosen wieder zurück. Die Tableaus werden wieder aufgefüllt und es geht in die nächste Runde. Ist das sechste Graffiti fertiggestellt, endet das Spiel nach der laufenden Runde und es folgt die Schlusswertung. Nun erhalten alle noch Punkte für die fertiggestellten Graffitis, an denen wir beteiligt waren. Wer die meisten Punkte erzielen konnte, gewinnt Graffiti.



AUTOR: Marco Ruskowski, Marcel Süßelbeck ■ ARTIST: Markus Erdt
VERLAG: Queen Games ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2023

spieler

2-4 Spieler

alter

ab 14 Jahren

zeit

ca. 45 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu Queen Games)


SPIELGEFÜHL

Wer sonst über ein „altbackenes“ Aussehen der Queen Games-Cover meckert, hat bei Graffiti keinen Grund dazu! Selten hat der Verlag so ein „fancy“ Cover-Design angeboten und spricht damit ggf. neue Käufer oder Interessenten an. Graffiti ist m.E. grundsätzlich ein Brettspiel für die spielerfahrene Familie. Vielleicht holt die Gestaltung und das Thema auf diesem Weg auch sonst Brettspielen eher abgeneigten Teenies ab, das könnte ich mir zumindest vorstellen. 

Während das Cover und die Graffitis, die wir im Laufe des Spiels sprühen, sehr farbenfroh und schön gestaltet daherkommen, hat man bei den Tableaus und Plättchen mit den Boni und Erlaubnissen ein wenig den Eindruck, dies sei noch Prototypenmaterial. Man kann es aber auch so zusammenfassen: Das Spiel ist schlicht, wo es schlicht sein muss, und es ist bunt, wo es bunt sein muss.

Zugänglicher Einstieg

Graffiti ist auf jeden Fall schnell erklärt – der Einstieg gelingt mit Hilfe der Regel leicht und auch die Spieldauer hält sich in Grenzen, da der klare Spielablauf Grüblern nicht viel Angriffsfläche lässt. Auch zu viert und damit in Vollbesetzung hat es eine angenehme Länge. Die Regeln sind gut strukturiert, enthalten Beispiele – nur die Spielhilfe auf den Rückseiten der Sichtschirme ist nicht intuitiv für neue Mitspielende erfassbar. Sonst gibt es an der Ikonographie nichts zu meckern.

Und jetzt wohin damit?

Der Spielaufbau ist ein bisschen nervig, da man die Plättchen alle sortieren und stapeln muss. Hinzu kommt, dass dem Spiel keine Ordnungs- und Verpackungselemente beiliegen. „Kein Plastik“ ist ja schön und gut, aber irgendwie muss man das Spielmaterial ja schützen, sortieren und verpacken. Vielspielende haben natürlich immer eine ganze Menge Plastiktütchen zu Hause rumliegen und damit eine Lösung zur Hand, aber Wenigspielende schauen da erstmal dumm. Kein Insert, keine Tütchen. Wer alles einfach in die Schachtel wirft, hat bei der nächsten Spielvorbereitung wenig Freude oder sollte Aschenbrödel zu Hilfe holen.

Was tun wir?

Graffiti hat einen klaren Spielablauf: Ich benötige Farben und eine entsprechende Erlaubnis, um sprühen zu können und ggf. hole ich mir noch einen Bonus, um das noch effizienter tun zu können. Alles logisch nachvollziehbar, nicht verzwickt und alles in allem nicht allzu herausfordernd. Angenehmes Familien- oder Feierabend-Niveau. 
Natürlich sind zu Beginn des Spiels die Plätze bei der Farbdosen schnell besetzt und grün und schwarz nicht mehr zu bekommen. Aber man ist dann nicht alternativlos unterwegs, man kann immer noch viele andere Dinge tun. Nur Richtung Spielende hat man manchmal das Gefühl, nichts wirklich sinnvolles mehr erreichen zu können – das ist ein bisschen schade. Dann sind die letzten Teilstücke nicht mehr mit den eigenen Farbvorräten zu realisieren, passende Erlaubnisplättchen liegen nicht mehr aus und auch die verfügbaren Boni bringen mir nichts mehr. Das ist dann ein eher dumpfes Ende, stört aber auch nicht wirklich, denn jeder hat ja was geschafft.

Meine Bilder, deine Bilder

Bei der Auswahl der Aktionen gilt aber immer: Behalte die Konkurrenz im Blick! Kaufen die anderen zufällig gerade Spraydosen in einer Kombination, die auf ein bestimmtes Teilstück schließen lässt, welches man auch im Auge hatte? Dann gilt es schnell sein und sich vorzudrängeln oder umzuplanen, falls man nicht schneller sein kann. 

Ebenso sollte man darauf achten, dass sich die Mitspielenden keine Graffitis mit vielen Teilstücken ganz alleine sichern. Da bei Spielende die Zahl der Teilstücke eines fertiggestellten Graffitis mit den eigenen Tags in diesem Bild multipliziert werden, sollte man sich dort immer noch reinhecken, um zum einen zu partizipieren oder zum anderen die Punkteausbeute der anderen zu minimieren.

Es gilt auch immer abzuwägen: Gehe ich lieber auf Teilstücke, die mir im Einzelnen viele Punkte bringen oder versuche ich möglichst viele Graffiti fertigzustellen und bei der Endwertung noch kräftig abzusahnen?

Interaktion 

Beim Spiel zu zweit der dritt gibt es einen „imaginären Dritten bzw. Vierten“, der Graffiti-Teilstücke mit seinen Tags belegt und damit das Erreichen des Spielendes vorantreibt. Man kann dieses Element taktisch nutzen, da der Startspielende entschieden darf, wohin die Tags des imaginären Dritten hingelegt werden. Das entscheiden zu können, ist stark, da man so dem Mitspielenden gezielt etwas verbauen, das Spielende einläuten oder man damit Graffitis beenden kann, um diese in die Wertung zu bringen. Vermutlich wird das nicht jedem in der ersten Partie auffallen, aber spätestens in Folgepartien dürfte der Run auf den Startspielmarker in jeder Runde von vorne losgehen, damit man bei dieser Entscheidung das Steuer in der Hand haben kann.

Abschließend noch ein paar Anmerkungen:

  • Der Bobby – oder „Darth Vader“, wie wir ihn nennen – wird meistens gar nicht so richtig genutzt. Wenn, macht es Sinn, ihn direkt zu Beginn der Runde zu nehmen, damit man ihn möglichst oft nutzen kann. Die Nutzung des Bobby macht natürlich auch eher in großer Runde Sinn, da dann die Einsatzfelder schneller besetzt sind und der Bobby uns dann hilft, doch noch Aktionen realisieren zu können.
  • Eine Sache stört mich leider bei der Gestaltung des Spiels, die bisher noch bei jedem Spiel angemerkt wurde: Warum passen die Farbdosen auf den Rückseiten der Graffiti-Teilstücke nicht mit den Bildern auf der Vorderseite zusammen? Wenn ich doch eine grüne Farbdose benötige, warum ist dann auf der Vorderseite des Plättchens überhaupt kein grüner Fleck erkennbar?
  • Kleine Regelunklarheit: Im Text heißt es, jeder erhält bei Spielbeginn ein Erlaubnisplättchen, im Bild sind zwei Erlaubnisplättchen abgebildet.
  • Benötigt man Graffiti, wenn man Fresco bereits im Schrank hat? Nicht zwingend. Graffiti wird als flüssiger und flotter – alles in allem gestreamlineter – empfunden, aber das Spielgefühl ist ähnlich. 

Zusammenfassung

Graffiti entführt uns die in Welt der bunten Bilder, die wir hier aktiv mitgestalten dürfen, denn wir sind selber die Sprayer. Das unverbrauchte Thema ist mal was Neues, auch, wenn das Spiel die, die es kennen, an das ältere Spiel Fresco der beiden Autoren erinnert. 

Graffiti stellt uns vor schöne Entscheidungen und Konkurrenzsituation mit den Mitspielenden, überfordert aber nicht, und bietet damit angenehme Unterhaltung auf Familienspiel-Niveau. Ob es viele Partien lang trägt, ist fraglich. Außerdem muss es aus unterschiedlichen Gründen kleinere Abzüge in der Wertung hinnehmen.

  • Unverbrauchtes Thema, ansprechendes Cover
  • Zugänglich, leicht erklärt, gutes Regelwerk, klarer Spielablauf, überschaubare Optionen
  • Schöne Interaktionskniffe im Spiel zu zweit oder dritt
  • Richtung Spielende fehlen manchmal die Optionen, so dass das Ende ein wenig stumpf sein kann
  • Keine Sortier- oder Ordnungselemente in der Schachtel (Insert, Tüten etc.)
  • Farbanforderungen auf der Rückseite der Teilstücke hätten auf das Graffiti abgestimmt sein müssen oder andersherum

Aus meiner Spielerperspektive: Ich würde Graffiti immer mal wieder mitspielen – mir fehlt aber der Langzeitspielreiz, um es selber wieder rauszuholen. Daher sehe ich es nicht als Must have, zumal ich auch noch Fresco im Schrank habe, an dem mehr Erinnerungen hängen. Dennoch war ich positiv von der neuen, modernen Gestaltung von Graffiti überrascht und finde das Spiel absolut solide. 

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