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REVIEW | Rezension Brettspiel Mischwald

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Brettspielbox Brettspiele

Ein Mischwald ist ein Wald, der sich dadurch auszeichnet, dass dort unterschiedliche Baumarten vorkommen. Diese unterschiedlichen Bäume bieten Nahrung und Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten, die wiederum die Lebensgrundlage für weitere Arten bieten. Ein vielfältiger Lebensraum, in dem es viele interessante Verflechtungen und Abhängigkeiten gibt. Das Brettspiel Mischwald bildet diese Vielfältigkeit und die Abhängigkeiten in Form eines Kartenspiels ab und fordert uns heraus, dabei die lukrativsten Kombinationen zu finden. 

Carina Brachter


SPIELBESCHREIBUNG

Mischwald ist ein Kartenspiel, bei dem wir Karten in unsere Auslage spielen, die dann dazu führen, dass bei der Endabrechnung Punkte für bestimmte Bedingungen ausgeschüttet werden.

Wir starten mit sechs Handkarten und dürfen dann in jedem unserer Züge, entweder zwei Karten nachziehen oder eine Karte in die persönliche Auslage spielen.

Ziehen wir Karten nach, dürfen wir das Handkartenlimit von 10 Karten nicht überschreiten und entscheiden, ob wir aus der offenen Auslage auf dem Spielplan oder vom Nachziehstapel ziehen.

Spielen wir Karten in die persönliche Auslage, müssen wir die ausgespielte Karte je nach aufgedrucktem Wert mit anderen Karten bezahlen. Ggf. bringt die Karte auch einen Soforteffekt oder einen Bonus, wenn man die Karte „passend“ bezahlt, d.h., Karten mit dem gleichen Baumsymbol ausspielt.

Es gibt drei unterschiedliche Kartenarten:

  • Bäume: Diese bieten den anderen Karten den Lebensraum, den sie als Grundlage benötigen. Es gibt 8 unterschiedliche Baumarten, die für die unterschiedlichsten Dinge Punkte bringen. 
    Oben, unten, rechts und links an die Bäume können jeweils andere Karten angelegt werden. 
  • Oben/Unten-Karten: Diese Karten sind horizontal in der Mitte in zwei unterschiedliche Nutzarten geteilt und können auf diese Weise oben oder unten an Bäumen angelegt werden. 
    Auf Ihnen sind Tiere oder Pflanzen abgebildet, die sich oben in den Baumkronen aufhalten oder die unten auf dem Waldboden wachsen oder leben. 
  • Rechts/Links-Karten: Diese Karten sind vertikal in der Mitte in zwei unterschiedliche Nutzarten geteilt und können auf diese Weise rechts oder links an Bäumen angelegt werden. Auf Ihnen sind Tiere abgebildet, die im Wald leben.

Außerdem gibt es noch für jeden Spielenden eine Höhle, in der unter bestimmten Bedingungen Karten für die abschließende Punktewertung gesammelt werden können.

Abschließend gibt es noch drei Winterkarten, die das Spielende herbeiführen. Sie werden in das letzte Drittel des Nachziehkartenstapels eingemischt. Wird die dritte Winterkarte aufgedeckt, endet das Spiel und die Auswertung beginnt. Nun werden alle Karten in der persönlichen Auslage gewertet, die Punkte zusammengerechnet, und ermittelt, wer die meisten Punkte erzielen konnte und somit Mischwald gewonnen hat.



AUTOR: Kosch ■ ILLUSTRATIONEN: Toni Llobet, Judit Piella
VERLAG: Lookout Spiele ■ ERSCHEINUNGSJAHR: 2023

spieler

1-4 Spieler

alter

ab 10 Jahren

zeit

ca. 40-60 Minuten

Spielregeln (ext. Link zu Lookout)


SPIELGEFÜHL

Mischwald erscheint in der neuen Greenline von Lookout Spiele. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sowohl die Spielkarten als auch die Spielschachtel nicht foliert sind. Das ist absolut lobenswert! Leider sind die Klebepunkte auf der Schachtel noch nicht so optimal… Bei uns hat beim Entfernen leider die Deckschicht des Kartons Schaden genommen. Hier gibt es also noch ein bisschen Verbesserungspotential. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Es wäre auch noch eine kleinere Schachtel möglich gewesen, denn der beiliegende Spielplan ist für die Funktion des Spiels nicht zwingend notwendig. Auf diese Weise hätte alles in eine Schachtel gepasst, die nur halb so groß ist… Noch greener, das ganze. 

Aber jetzt mal Butter bei die Füchse

Kommen wir aber erstmal zum Spielgeschehen: Mischwald ist ein Kartenspiel auf leichtem Kennerniveau, das uns schöne Aufgaben stellt und in jedem Zug interessante Entscheidungen von uns erwartet. Vor uns entsteht dabei eine sehenswerte Auslage und auf diese Weise nach und nach der namensgebende Mischwald.

Die Illustrationen der Pflanzen- und Tierkarten sind dabei so liebevoll und naturgetreu gestaltet, dass dabei eine sehr thematische Atmosphäre auf dem Spieltisch entsteht. Der Wald wächst, der Lebensraum wird immer größer und in welche Richtung sich mein individueller Mischwald entwickelt, entscheide ich dabei selbst. 

Welche Entscheidungen habe ich zu treffen? 

Zum einen muss ich bei jeder Karte entscheiden, ob sie Teil meiner persönlichen Auslage werden soll. Will ich sie also ausspielen oder gebe ich sie eher als Zahlungsmittel aus und verzichte auf den Punkte-Nutzen? Bei zweigeteilten Karten muss ich dann noch die Entscheidung treffen, welchen Teil der Karte ich nutzen möchte, wenn ich sie in die persönliche Auslage integriere. Dann ist auch noch die Wechselwirkung zu berücksichtigen: Habe ich bereits Kartenkombinationen auf der Hand oder in meinem Mischwald, die vielversprechend sind, die ich weiter ausbauen kann und auf die ich hin sparen möchte? Und nicht zuletzt: Welche Karte gebe ich als Zahlungsmittel aus, weil je nach aufgedrucktem Baumsymbol bei der Zahlung noch eine Bonusaktion rausspringen kann?

Danke, das Wildschwein nehme ich sehr gern!

Bei all dem sollte man dann bitte auch noch darauf achten, welche Karten man in die offene Auslage auf dem Spielplan spielt. Denn dort mache ich den Mitspielenden ein Angebot, dem sie ggf. nicht widerstehen können. Natürlich bin ich sehr mit meinem eigenen Mischwald und dem richtigen Management meiner Karten beschäftigt. Aber bitte auch immer rechts und links schauen, welche Schwerpunkte die anderen Mitspielenden setzen, mit welchen Tierarten sie beispielsweise besonders viele Punkte machen. Dies sollte man nicht noch durch die Ablage entsprechender Karten befeuern. Das ist aber auch schon die einzige Interaktion, die wir im Spiel ausüben können: Über die Auslage auf dem Spielplan begegnen wir uns, tauschen Karten aus, ärgern uns vielleicht auch ein wenig, indem wir anderen wichtige Karten vor der Nase wegschnappen.

Ein Damhirsch kommt selten allein

Was wichtig und lukrativ ist, das muss erst gelernt werden. Welche Karten und Effekte es auf den ganzen Karten gibt, weiß man in der ersten Partie nicht und muss diese erst noch kennenlernen und lesen. In gemischten Gruppen mit Spielenden, die das Spiel kennen und nicht kennen, gibt es ein deutliches Gefälle in der Punkteausbeute, sofern man nicht im Vorfeld deutlich auf die Wirkweise bestimmter Karten hinweist. 

Zu wissen, mit welchen Karten man eine gute Punkte-Maschinerie entwickeln kann, ist unabdingbar. Man kann sicherlich viele Hasen sammeln, aber Hirsche und Rehe sind dann doch in der Punkteausbeute effizienter. Und dann noch ein Wolf im Wald – da ist man fast auf der Siegerstraße. Auch die Kombination von Farnen und Lurchen, Vögeln und Habichten, Walderdbeeren und unterschiedlichen Baumarten sowie eine umfangreiche Sammlung von Ahornbäumen bringen viele Punkte ein. Wer das Spiel das erste Mal spielt, weiß das (noch) nicht und wird vermutlich nur ein durchschnittliches Ergebnis erzielen. 

Im Gegensatz dazu kann es dann aber auch ggf. etwas langweilig werden, wenn man die lukrativen Kombinationen kennt und immer diesen gleichen Stiefel spielt. Dann ist das Spiel irgendwann auserzählt.

Mit jeder Spielerzahl anders

Das Punkteergebnis gestaltet sich auch sehr unterschiedlich je nach Anzahl der Mitspielenden. Während man im Spiel zu fünft meist nur bei 50-70 Punkten landet, ist das Ergebnis im Spiel zu zweit ein völlig anderes. Läuft das Spiel lange und die letzte Winterkarte kommt erst ganz am Ende des Nachziehstapels ins Spiel, kann man richtig hohe Punktewerte erzielen. Ein Ergebnis bis zu 400 Punkten ist dann möglich. 

Gleichzeitig bestimmt die Spieleranzahl sowie die Länge des Spiels selbst auch, wie lange die Auswertung dauert. Manchmal dauert dieser Teil des Spiels bis zu 10, 15 Minuten, da jede einzelne Karte betrachtet und geschaut werden muss, in welcher Wechselwirkung sie Punkte einbringt. Das kann ein sehr mühsamer, langwieriger oder auch fehleranfälliger Prozess sein und auch dieser gelingt besser, je geübter man darin ist, die Karten auszuwerten. 

Wertung mit Hindernissen

Kommen wir zu einem ärgerlichen Detail der Spielausstattung: Der Wertungsblock. Dieser funktioniert ggf. im Spiel mit vier oder fünf Spielenden, aber spielt man ein langes Spiel zu zweit und landet bei einer Gesamtpunktzahl von jenseits der 300 Punkte, dann sollte man ggf. noch einen zusätzlichen Hilfezettel zur Hand nehmen. Die Auswertung der einzelnen Kartenarten erfordert Platz und Zwischenrechnungen, das passt da doch gar nicht hin (siehe Abbildung der Wertungsbeispiele). 

Wer das Spiel wie ich über Spiele auf Boardgamearena kennengelernt hat, musste sich sowieso erstmal mühsam an die Auswertung gewöhnen. Wie einfach und leicht in der digitalen Welt die Punktzahl nachgehalten wird. Umso mühsamer ist es am analogen Spieltisch. 

Schön ist hier hingegen, dass man bis zum Spielende nicht weiß, wie es denn so gerade steht. Auf BGA kennt man jederzeit den Zwischenstand und das kann manchmal frustrieren, weil man einfach an den Führenden nicht heranreicht. 

Hinweis: Über den in der Spielanleitung eingedruckten QR-Code lässt sich ein 14seitiger Anhang mit ausführlicher Beschreibung zu den einzelnen Karten erreichen, der bei Detailfragen weiterhelfen kann. Schade, dass er nicht ausgedruckt beiliegt, aber aufgrund der Greenline hat man vermutlich darauf verzichtet. 

Winter is coming

Spannend gestaltet sich auch das Spielende von Mischwald. Das Aufdecken der ersten Winterkarte zeigt an, dass nun das letzte Spieldrittel beginnt. Ab jetzt kann jeder Zug der letzte sein. Hier kann es stressig werden: In der Auslage liegt nur noch Mist, auf der Hand ist auch nichts mehr, was einen weiterbringt und man benötigt dringend noch ein oder zwei wichtige Karten. Du bist dann gezwungen, vom Stapel zu ziehen, um noch neue Karten zu bekommen oder eine gute Kombination zu schaffen und dann wird es kribbelig. Deckst Du schon die nächste oder gar letzte Winterkarte auf? Immer diese Erleichterung, wenn es doch noch ein bisschen weitergeht. Und dann erwischt es den nächsten und du kommst nicht mehr an die Reihe. Verdammt.

Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht

Und das ist nicht der einzige Glücks- oder Pechmoment im Spiel. Es gibt Partien, da bekommt man einfach nichts Vernünftiges auf die Hand oder in die Auslage. Da hat man sein Wildschwein bereits angesiedelt, bekommt aber keinen Frischling dazu, oder der Luchs wartet ewig auf seine Rehbeute und es will einfach nicht auftauchen. 

Streckenweise kann man das Gefühl bekommen, es seien nur Bäume im Spiel und damit kommt man leider auch „auf keinen grünen Zweig“. Nur mit Bäumen lässt sich Mischwald nicht gewinnen! Die Mitspielenden werden sicher auch nur im Notfall interessante Tierkarten in die offene Auslage auf dem Spielplan spielen, so dass man dort auch nicht viel erwarten kann. Bäume verkommen im Laufe des Spiels sowieso oft zu einem reinen Zahlungsmittel, landen ständig auf dem Spielplan und werden dort als reines Zahlungsmittel auch wieder weggenommen. 

Es sind auch so viele Bäume im Spiel, dass wir noch nie die Notwendigkeit gesehen haben, eine Karte mit der Rückseite als Setzling zu spielen. 


Zusammenfassung

Mischwald ist ein sehr ansprechend gestaltetes und atmosphärisch wirkendes Kartenspiel in einem tollen Natursetting. Es bietet für ein reines Kartenspiel eine enorme Spieltiefe und viel Wiederspielreiz durch die Varianz der Kombinationsmöglichkeiten – das alles auf leichtem Kennerniveau. 

Hat man aber erstmal alle Optionen des Spiels entdeckt und kennt die lukrativen Punktestrategien, kann es an Reiz verlieren, da man sich derer immer bedienen möchte. Auch die Punkteauswertung verlangt Geduld und ein wenig Übung. 

  • Tolle naturgetreue Gestaltung der Tier- und Pflanzenkarten
  • Viel Spieltiefe und Varianz in einem reinen Kartenspiel
  • Spannende und ggf. auch überraschende Schlussphase 
  • Der Wertungsblock ist für Partien mit vielen Punktwertungen völlig ungeeignet, zumal die Punktewertung aufwendig und fehleranfällig ist
  • Das Glück spielt häufig eine zu große Rolle
  • Kennen die Spielenden die lukrativen Kombinationen der Karten, gibt es nur noch wenig Neues zu entdecken

Aus meiner Spielerperspektive: Mischwald ist allein aufgrund des Natursettings natürlich voll mein Beuteschema. Ich spiele es auch wirklich sehr gerne, habe aber nach rund 15 Partien nun nahezu alles im Spiel entdeckt. Natürlich versuche ich, lukrative Kombinationen zu erzielen. Aber das wollen die Mitspielenden auch. Da ist es dann häufig Glückssache, wer die richtig guten Karten zieht. Das ist dann wenig beeinflussbar und kann frustrieren. Dennoch bringe ich es immer wieder gerne auf den Tisch, weil es sich um ein tolles Gesamtpaket handelt, das sich sehr flüssig und fluffig spielt.  

Zweite Meinung Christoph

Mischwald habe ich sowohl on- wie auch offline gespielt. Während offline insbesondere die tollen Karten faszinieren, die man sich immer wieder gerne anschaut, überwiegt online der große Vorteil der Punkteauswertung. Über dieses Sammelsurium während des Spielens den Überblick zu behalten, ist sonst nur sehr schwer möglich.

Auch finde ich die Spielendenanzahl entscheidend, denn je mehr beteiligt sind, desto größer die Downtime und desto weniger die Möglichkeit auf die zentrale Auslage Einfluß nehmen zu können. Daher spiele ich Mischwald am liebsten zu zweit oder zu dritt.

Dennoch mag ich die Varianz in den verschiedenen Siegstrategien, die sicherlich auch ein wenig vom Kartenglück abhängig sind.

Trotz relativ kleiner Schachtel muss man bei Mischwald berücksichtigen, dass die Tischauslage schon mal sehr umfangreich werden kann, da die Karten doch sehr viel Platz benötigen.

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