Reiseplanungsspiele sind derzeit ein Trend. Vielleicht stammen sie gedanklich noch aus der Pandemie-Zeit, wo wir uns die Zeit eher mit intensiven Reise-PLANUNGEN vertrieben haben, statt diese praktisch durchzuführen.
Auch im Brettspiel Abroad reisen wir nur theoretisch, dafür aber direkt durch ganz Europa. Und begegnen auf unserer Reise übrigens erstaunlich vielen anderen Spieletiteln. Was wir in Abroad sonst noch erleben können, lest ihr im Folgenden…
Carina

In Abroad haben wir vier Woche Zeit, unter Beweis zu stellen, dass wir den Job im Reiseführer-Verlag wirklich verdient haben, weil wir einfach die besten Locations kennen, die geheimsten Tipps geben können und den besten Draht zu Ortskundigen haben.
Jede mitspielende Person verfügt über ein Kalender-Tableau, auf dem anfangs noch unsere Tag-Scheiben liegen und später die Ortskarten unserer Reise ausgelegt werden. Sind wir an der Reihe, darf unsere Spielfigur über den zentralen Spielplan mit der Karte Europas reisen – mit dem Zug oder dem Flugzeug. Dann spielen wir eine Ortskarte passend zu der bereisten Region in unseren Kalender. Je nachdem, wie viele Tage unser Reiseziel „verbraucht“, nehmen wir Tag-Scheiben von unserem Tableau und legen sie auf die besuchte Region auf dem Spielplan. Mit diesen Scheiben möchten wir Mehrheiten in den Regionen erringen, die jeweils am Ende einer Woche gewertet werden, und für die wir Punkte erhalten. Auf die Mehrheiten-Wertung können wir weiteren Einfluss nehmen, wenn wir eine Tag-Scheibe auf die Geheimtipp-Rückseite drehen dürfen, denn diese erhöht unseren Einfluss enorm.
Gehen uns Ortskarten oder Energie und Geld für die Reise aus, dürfen wir alternativ zu dem oben skizzierten Spielzug pausieren, um zu schreiben, uns auszuruhen oder Planungen durchzuführen und uns mit den benötigten Dingen wieder ausrüsten.
Am Ende unseres Zuges dürfen wir ggf. noch ein Bucketlist-Plättchen aus der Region, wo wir uns befinden, erfüllen und uns weitere Punkte sichern. Oder wir nutzen das Ortskundigen-Plättchen, um uns Vorteile zu sichern.
Außerdem haben wir noch die alternative Möglichkeit, mit Festivals zu spielen. Festivals können wir an den Wochenenden besuchen und dadurch noch weitere Punkte erzielen.
Das Spiel endet nach der vierten Reisewoche und der entsprechenden Wertung der Regionsmehrheiten. Dann erhalten wir noch Punkte für Postkarten-Aufgaben, die wir während des Spiels erhalten haben und erfüllen konnten sowie für übrige Ressourcen. Wer dann die meisten Punkte erzielen konnte, gewinnt Abroad und sichert sich den coolen Traumjob!
Brettspiel Regeln
Spielregeln (ext. Link zu Asmodee)


Abroad hat viele schöne Anteile, die mir gut gefallen und richtig Spaß machen. Eine Reise zu planen, Orte zu erkunden, tolle Dinge zu erleben und das alles, ohne im übertragenen Sinne in „unbequemen Betten“ schlafen zu müssen. Aber es gibt ebenso Partien, in denen die ein oder andere Reisewoche nicht zwingend für einen spannenden Artikel im Reiseführer-Magazin geeignet sind. Auf diesen Trips verpasst man sinnbildlich ständig den Zug, verläuft sich in der Wildnis oder strandet mittellos an Orten, die niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Jede Reise in Abroad ist daher ein neues Abenteuer, bei der man zu Beginn nicht weiß, wie sie dieses Mal verlaufen wird. Aber da jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, kommt hier auch vieles darauf an, wie man selber agiert…
Thematisch stimmig
Fangen wir mal mit den positiven Facetten des Spiels an: Die thematische Umsetzung der Reiseplanung ist wirklich gut gelungen: Wir halten die Erlebnisse unsere Reise in unserem Wochenjournal fest. In den Regionen, in denen wir viel Zeit verbringen und Geheimtipps sammeln, sind wir „Spezialisten“ und erhalten daher dafür Punkte. Die 240 individuellen Ortskarten sind mit viel Mühe zusammengestellt und die Effekte oft auch thematisch passend ausgewählt. Oft reagieren die Menschen beim Spielen emotional auf Reiseziele, da sie bereits vor Ort waren, Schönes erlebt haben oder dort unbedingt noch hinmöchten. Auch die Gestaltung der Bucketlist-Ziele und der Festivals ist originell.
Viele Orte, doch wohin zuerst?
Die hohe Kartenzahl ist aber auch notwendig, da wir einen hohen Kartendurchlauf im Spiel haben/benötigen, um an die für uns passenden Orte zu gelangen.
Die Planung unserer Reise ist eine schöne und reizvolle Managementaufgabe, die viele unterschiedliche Aspekte – Erreichbarkeit, Dauer, Erlebnisse/Icons, Effekte – beinhaltet und daher ein permanentes Abwägen von uns verlangt.
Die Planung macht Spaß und das Gerangel um Mehrheiten auf dem gemeinsamen Spielplan ist eine schöne Herausforderung. Wiederspielreiz ist auch immer gegeben, da es noch so viel zu sehen gibt und man auch irgendwie besser abschneiden möchte als in der letzten Partie.
Mittelos gestrandet
Allerdings können wir uns bisweilen auch fühlen wie finanziell spärlich ausgestattete Studierende, die zwar extrem reisewillig sind, aber ganz genau schauen müssen, wie sie ihr schmales Budget einsetzen, um möglichst viel zu sehen und zu erleben. Knapsen ist daher in Abroad häufig angesagt. Daher ist es entscheidend, welches Kartenglück einem in der jeweiligen Partie hold ist: Erhalte ich Karten aus den gleichen oder zumindest nah beieinanderliegenden Regionen, damit ich nicht so viel für die Reisekosten ausgeben muss? Erhalte ich Karten, deren Effektbedingungen zu dem passen, was ich bereits zu bieten habe? Erhalte ich Ortskundige, um mir Zusatzoptionen zu gönnen, mit denen ich Geheimtipps erhalte oder meine Einkommensleiste aufbessern kann? Dabei kann es passieren, dass man eine ungünstige Kartenkombination auf der Hand hat und schonmal streckenweise den Anschluss verliert. Wenn es dann bei den anderen mitspielenden Personen gerade richtig gut läuft, bleibt man ratlos zurück und verliert ein bisschen die Reiselust…
Schneller Mehrheiten-Wechsel
Wer Area Control als Spielmechanismus nicht leiden kann, wird ihn auch durch Abroad nicht lieben lernen. Hier kippt eine mühsam aufgebaute Mehrheit sehr schnell. Man kann in lange Gesichter schauen, wenn aus einer souveränen 7-Chips-Mehrheit in einer Region der zweite Platz wird, wenn ein einziges Geheimtipp-Plättchen eines Mitspielenden dort den Schalter umlegt. Wenn einem das in drei Regionen hintereinander passiert, kann man schonmal aggressiv werden… Vor allem, wenn nur so wenig ausreicht, eine hart erarbeitete Mehrheit zu verlieren. Hab ich dann nicht die Karten auf der Hand, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen, wird es frustig.
Was man wissen/lernen sollte
Partien von erfahrenen Spielenden und Neulingen haben meist ein Gefälle – daher sollte man im Vorfeld über einige Punkte aufklären: Wer beispielsweise die Aufregungsmarker nicht nutzt, um die Anzahl der Tage zu reduzieren und schnell für neue sorgt, ist in der ersten Partie und der ersten Woche schnell nach drei Ortsbesuchen am Sonntag angekommen und schaut den anderen beim Spielen zu. Auch wer gar keine 1-Tag-Karten hat, bekommt zwar schnell Mehrheiten in bestimmten Regionen, läuft aber Gefahr, eine halbe Runde lang zur Untätigkeit verdammt zu sein. Das fühlt sich leider ein bisschen an wie „Aussetzen“.
Na gut, man kann dem entgegenhalten: Wer mehr 1-Tages-Karten hat, bleibt zwar augenscheinlich länger in der Runde aktiv, kann aber im Zweifelsfall nicht so große Mehrheiten in einer Region aufbauen. Ja gut, aber man kommt mehr rum… Alles eine Frage der Abwägung.
Da muss immer genug reinkommen!
Ebenso sollte man schauen, dass man sich auf der Einkommensleiste weiterentwickelt. Leider ist das gar nicht so einfach. Auch hier benötigt man die richtigen Karten, die das Weiterkommen ermöglichen, oder man gelangt an bestimmten Orten mit Hilfe von Ortskundigen an eine Einkommenssteigerung. Aber in Ressourcen schwimmen werden wir hier selten. Ich empfinde die Bedingungen, um sich auf den Leisten weiterzuentwickeln, als recht schwer und daher gelingt mir die Weiterentwicklung oft erst spät im Spiel, wenn überhaupt. Die Länge der Einkommensleiste scheint mich immer zu verhöhnen, denn dort jemals das Ende zu erreichen, erscheint mir utopisch.
Funktional und winzig, aber auch übersichtlich
Leider ist die Gestaltung des Spiels an einigen Stellen unglücklich gelaufen. So gut mir das Cover auch gefällt: Der nüchtern gestaltete Spielplan scheint direkt dem Diercke Atlas entnommen. Klar, dass der Plan zurückgenommen gestaltet sein muss, denn mit den Markern, Figuren und Bucket-List-Plättchen ist dort während der Partie bereits genug los. Aber die Farbgebung mit unterschiedlichsten Rosa- bis Lila-Tönen ist für einige eine Herausforderung in Sachen Unterscheidbarkeit. Da nutzt auch das Regionen-Kürzel auf den Karten nicht immer weiter, da es zu einem Druckfehler gekommen ist. Auch die Bedeutung der Regionen-Bezeichnung lässt uns teilweise fragend zurück (FBR???). Die Beschriftung der Bucket-List-, Festival- und vor allem der Ortskundigen-Plättchen ist extrem klein geraten, so dass Brillenträger die Aktionsoption leider auch manchmal deshalb vergessen, da sie sie gar nicht sehen.
Dafür ist aber die klare Gestaltung der Karten zu loben, auf denen zwar viele Informationen untergebracht werden müssen, es aber gut gelungen ist, diese optisch zu trennen und lesbar zu machen. Auch die Durchleitung durch die Zwischenwertung mittels Koffer, der durch die einzelnen Regionen durchführt, finde ich sinnvoll gelöst.
Wartezeiten
Warum wir Abroad mit 5 Personen spielen sollten, bleibt mir rätselhaft. Es kann auch bereits zu viert zu einer langen Downtime kommen, wenn man mit seiner Woche bereits fertig ist und die anderen erst beim Mittwoch stecken. Könnte man in dieser Phase wenigstens in seine neuen Karten schauen, um die Zeit für die Planung der nächsten Woche zu nutzen – aber das geht leider noch nicht. Auch zu Beginn einer neuen Runde, wenn alle in ihre nachgezogenen Karten schauen, um die Woche zu strukturieren, kann es längere Schweigephasen am Tisch geben. Aber da sind wenigstens alle nahezu gleichzeitig beschäftigt.

- Gelungene Einbettung des Themas ins Spiel
- Vielfältige Ortskarten und variables Spielmaterial erhalten den Wiederspielreiz
- Charmante und reizvolle Planungsarbeit
Abroad konfrontiert uns mit einem Thema, das in vielen von uns positive Gefühle weckt: Die Planung einer Reise. Das Spiel führt uns dabei an viele Orte, an denen wir bereits waren oder die wir gerne für uns entdecken möchten. Die damit verbundene Planungsaufgabe ist reizvoll und macht Spaß, aber ist gleichzeitig herausfordernd und verlangt uns einiges ab. Unsere Ressourcen sind dabei meistens knapp und Nachschub kommt manchmal nur recht mühsam hinzu.
Dabei hängt das Gelingen unserer Reise des Öfteren am Kartenglück. Hier kann es oft gut zueinander und unseren Plänen passen, was wir auf die Hand ziehen, aber leider läuft es hin und wieder für einzelne Personen echt frustrierend, so dass sie die dann auch den Anschluss verpassen können.
Ich mag Abroad gern, aber mit dieser Unwucht, die sich leider regelmäßig zeigt und mir und anderen manchmal das Spielgefühl verleidet, kommt es dann doch nicht so häufig auf den Tisch, wie ich es mir gewünscht hätte. Wer damit gut umgehen kann: Reist los!



AUTOR: Rodrigo Rego & Danilo Valente
ARTIST: Christian Schupp
VERLAG: 1 More Time Games
ERSCHEINUNGSJAHR: 2025







