Es gibt wenige Spiele, die einen so richtig überraschen – aber in diesem Jahrgang hat das ein Spiel bei mir geschafft. Es handelt sich um Carp City, bei dem sich viele streiten, ob es sich hierbei überhaupt um ein Spiel handelt. Aber ist nicht ein Spiel lt. Wikipedia-Definition „eine Tätigkeit, die zum Vergnügen, zur Entspannung aus Freude an ihrer Ausübung … meist unter Beachtung von Spielregeln ausgeübt werden kann“? Das passt doch nun wirklich alles auch zu Carp City!
Aber letztlich ist mir diese Fragestellung auch völlig egal. Denn Carp City hat mich überrascht und begeistert und mir einige schöne Stunden Entspannung beschert. Und davon möchte ich Euch heute gerne berichten.
Carina

Die Spielbeschreibung von Carp City ist recht übersichtlich: Wir haben hier zum einen ein großes Wimmelbildbuch und zum anderen einen kleineren „Stadtführer“ mit Storytexten.
Im Wimmelbildbuch starten wir auf einer beliebigen Seite und suchen uns eine der abgedruckten Nummern. Zu dieser lesen wir im Stadtführer den entsprechenden Eintrag. Meist werden wir darum gebeten, einem Wesen zu helfen, etwas zu finden, etwas herauszubekommen oder anderweitig zu bewerkstelligen.
Auf unseren Wegen durch das Buch erhalten wir Stichworte, die wir notieren und abkreuzen und die uns an anderer Stelle wieder weiterbringen. Ebenso sammeln wir lauter nützliche und seltsame Dinge in unserem Rucksack, die wir für die Erledigung von Aufgaben benötigen.
Sind wir erfolgreich, folgt meist eine neue Anweisung in einem weiteren Textteil des Stadtführers. Am Ende einiger Storystränge dürfen wir einen oder gleich mehrere der 272 Sticker in das Wilmmelbildbuch kleben – meist um anzuzeigen, dass dieser Teil der Geschichte abgeschlossen ist.
Wie lange das Spiel dauert und wann es beendet ist, kann ich leider nicht so genau sagen. Es ist nirgendwo so deutlich angegeben und meine eigene Reise durch Carp City dauert derzeit noch an.
Brettspiel Regeln
Spielregeln (ext. Link zu Moritz Verlag)


Carp City ist eine große Stadt mit ländlichem Gebiet drumherum, das sich vom Meer bis in die Berge erstreckt. Die Stadt wird am nächsten Tag das Fest des Siebenarmigen Orang-Utans feiern und dafür müssen noch einige Vorbereitungen getroffen werden. Unsere Aufgabe ist es, den menschlichen und fantastischen Wesen in der Stadt und im Umland dabei zu helfen.
Mehr wissen wir nicht, bevor wir uns mitten ins Getümmel stürzen. Dabei nicht weiter be- bzw. geleitet zu werden, lässt uns am Anfang sehr unsicher die ersten Schritte wagen. Wo soll ich nur anfangen? „Bei den grünen Nummern“, empfiehlt die Anleitung, da kann man alles auf einer Doppelseite lösen und man fühlt sich noch nicht gleich überfordert.
Wo war nochmal…?
Das Gefühl der Überforderung hält sich dennoch eine Weile. Was ist hier alles los? Überbordende optische Informationsfluten auf jeder der 25 Doppelseiten lassen uns am Anfang noch verwirrt durch die Gegend tapsen. Mir hat bei der weiteren Orientierung massiv die Übersichtskarte auf der Deckelinnenseite hinten im Buch geholfen. Noch besser wäre es gewesen, man hätte sie als einzelnes Blatt zum Herausnehmen im Buch gehabt. Aber je häufiger wir uns durch die Seiten blättern, desto besser kennen wir uns aus und können uns orientieren. Manchmal lesen wir im Storytext von Gebäudebezeichnungen, die wir nicht eindeutig zuordnen können, da die Gebäude nicht beschriftet sind, aber mit ein wenig detektivischem Geschick und Ausschlussverfahren, findet man doch, was man sucht.
Dann finde ich das halt ein anderes Mal…
Schnell wird klar, dass man häufig in Sackgassen gerät, weil man nicht findet, wonach man sucht. Auch, wenn man ganz genau Seite für Seite abscannt und sicher ist, jedes Detail betrachtet zu haben. Man findet es nicht. So muss man manche Storystränge aus der Hand gleiten lassen und sich neuen Aufgaben zuwenden. Und dann, wenn man längst andere Aufgaben erledigt, findet man so ganz nebenbei das Gesuchte. Nur dann hat man leider wieder vergessen, worum es bei der ursprünglichen Aufgabe ging. Ach, hätte ich mir doch nur bessere Notizen gemacht – ein Gedanke, den ich mir für das Nachfolgebuch ganz dick unterstrichen im Hinterkopf notiert habe!
In tiefem Einklang mit der Stadt
Doch auch, wenn man viele Stränge verliert, später wieder aufnimmt und manchmal verzweifelt versucht zu erinnern, was und wo man da mal was gesehen oder gelesen hat: Ich hatte nie das Gefühl von Frustration. Im Gegenteil. Carp City hat für mich etwas Meditatives. Ich spiele eigentlich nie allein, aber diese Stadt und ich – wir haben uns gefunden. Mich würde es total stressen, mich mit jemand anderem über alles abzustimmen. „Wo machen wir jetzt weiter?“, „Gib mir mal das Buch“, “Lass mich nochmal da gucken“ – ne, das würde ich nicht wollen. Wenn ich eine Stunde Zeit habe, lasse ich mich in diese Stadt hineinziehen. Der Sog dieses Spiels ist enorm. Man verliert sich darin und stellt dann irgendwann fest, dass man nicht nur eine Stunde, sondern locker 2,5 darin verbracht hat.

So einfach – Überraschung!
Dabei sind die Geschichten nicht außergewöhnlich. Sie sind teilweise total simpel und haben auch manchmal nur ein extrem unspektakuläres Ende. Man beschäftigt sich mit einer langen Suche, macht dabei noch sieben Umwege und liest dann den abschließenden Absatz, in dem dann nur ganz banal steht, dass sich jetzt jemand über xy sehr freut. Mehr nicht. Noch nicht einmal ein Sticker muss geklebt werden. Zunächst hat mich diese Einfachheit enttäuscht, aber dann erwischte ich mich dabei, dass meine Enttäuschung einem Lächeln wich. Und zwar, weil ich mich über meine eigene Enttäuschung amüsierte und mich freute, dass mich das Buch mal wieder überrascht hat.
Toll, toller, Carp City
Phänomenal ist die Gestaltung des Buches und seine Verpackung. Der Schuber ist toll, auch wenn man ihn nicht weiter benötigt. Die Gestaltung der Buchseiten ist der Wahnsinn. Ich will mir gar nicht ausmalen, welch ein Aufwand dahintersteckt, diese Geschichte zu scripten und optisch zu gestalten. Herausragend finde ich auch, wie selbstverständlich in diesem Buch Inklusion und Diversität geatmet wird. In dieser Form habe ich das in einem Spiel noch nicht erlebt. Außerdem hält die Bindung einiges aus. Da man sich hundertfach durch Carp City blättert, muss das Buch einiges aushalten… Bisher macht es bei mir noch alles klaglos mit. Auch die Passgenauigkeit der Sticker ist sehr gut gelungen. Wenn da später etwas nicht optimal sitzt, habe ich schlampig gearbeitet, nicht der Sticker.
Such!
Die Aufgaben, die wir zu erledigen haben, sind im wesentlichen Suchrätsel. Manchmal handelt es sich auch um Logikaufgaben oder Rechenspiele, von denen ich gerne auch mehr gehabt hätte. Aber vielleicht habe ich die nur noch nicht entdeckt? Wie gesagt befinde ich mich derzeit noch auf meiner Reise durch Carp City und habe bei Weitem nicht alles erlebt und getan, was erforderlich ist. Zum Beispiel würde ich wirklich langsam mal gerne wissen, wie ich endlich an diesen verdammten Sack Mehl komme. Aber ich bin mir sicher: Auch den werde ich irgendwann bekommen…

Carp City ist außergewöhnlich. Ein Wimmelbildbuch, das uns ohne Vorbereitung mitten in eine Geschichte wirft und darauf vertraut, dass wir dort schon klarkommen. Und das werden wir, denn die Aufgaben, die uns gestellt werden, verlangen zwar bisweilen eine Menge Geduld von uns, aber sie überfordern uns nicht.
Carp City verbreitet dadurch ein meditatives Spielgefühl. Es zieht uns auf fast magische Weise in die Geschichte hinein und beschert uns eine interessante und stressfreie Zeit in einer Umgebung, in der wir helfen und Dinge weiterentwickeln können.
Alles in allem für mich sogar eine „cozigere“ Erfahrung, als in Stickerville. Ich freue mich daher schon jetzt auf den nächsten Teil, der 2027 erscheinen soll.



AUTOR: Aleksandra und Daniel Mizielinscy
ARTIST: Aleksandra und Daniel Mizielinscy
VERLAG: Moritz Verlag
ERSCHEINUNGSJAHR: 2025

1-99 Spielende
8 Jahre
5-2700 Min.







