Donnerstag, Januar 29, 2026
StartAllgemeinBrettspiel Trends der letzten 10 Jahre

Brettspiel Trends der letzten 10 Jahre

Beobachtungen aus dem Brettspiel-Markt, der Community und dem Spieldesign

Schaut man auf die letzten zehn Jahre Brettspielgeschichte zurück, wird schnell klar: Die wirklich spannenden Entwicklungen lassen sich nicht an einzelnen Hypes festmachen. Vielmehr zeigen sich langfristige Verschiebungen im Spieldesign, in der Erwartungshaltung der Spielenden und in der strategischen Ausrichtung der Verlage.
Viele dieser Trends entstanden ungeplant, weil sich Lebensrealitäten, Mediennutzung und Marktmechanismen verändert haben. Andere wurden gezielt vorangetrieben. Zusammen ergeben sie ein Bild davon, wie sehr das Hobby gereift ist.

Hier ein Blick aus Trends, die ich sehe:

Kooperative Brettspiele – gemeinsam gewinnen als Gegenentwurf

Kooperative Spiele haben sich fest etabliert, nicht als Nische, sondern als tragende Säule des Marktes. Für viele Menschen waren Brettspiele lange zu konfrontativ: direktes Gegeneinander, Frust bei Niederlagen, soziale Spannungen am Tisch.
Kooperative Spiele bieten dazu einen klaren Gegenentwurf. Gemeinsam gewinnen oder gemeinsam verlieren verändert die Gesprächskultur am Tisch. Spiele wie PandemicDie CrewSpirit Island oder große Kampagnenspiele wie Gloomhaven zeigen, dass Herausforderung und Anspruch auch ohne direkte Konkurrenz funktionieren.
Gerade für Familien, gemischte Gruppen oder Menschen, die Spielen als verbindendes Erlebnis suchen, ist das ein zentraler Zugang geworden. Sechs der letzten zehn Preisträger des Spiel des Jahres waren (semi-)kooperative Brettspiele.


Spieleranzahl im Fokus – Solo und zwei Personen

Ein auffälliger Trend ist die stärkere Fokussierung auf konkrete Spielerzahlen. Zum einen entstehen zahlreiche Adaptionen bekannter Klassiker für zwei Personen mit eigenen Regelwerken und klarem Duellcharakter. Zum anderen rücken immer mehr dedizierte Zwei-Personen-Spiele in den Mittelpunkt, die von Grund auf für diese Spielerzahl entwickelt werden und nicht skalieren müssen.
Parallel hat sich der Solo-Bereich professionalisiert. Automa-Systeme simulieren Mitspielende, erzeugen Interaktion und Druck, ohne echtes Mitspielen zu benötigen. Spiele wie Arche NovaScythe oder Great Western Trail zeigen, dass Solo längst kein Bonus mehr ist, sondern ein vollwertiger Modus.
Gleichzeitig zeigt sich im Expertensegment eine Schattenseite: Viele komplexe Spiele sind faktisch nur noch zu zweit oder zu dritt gut spielbar. Mit steigender Spieldauer und wachsender Regelkomplexität stoßen höhere Spielerzahlen schnell an Grenzen. Diese Entwicklung beeinflusst das Design spürbar.


Brettspiel als Serie – Kampagnen, Legacy, Story

Der Trend zu Kampagnen- und Legacy-Spielen lässt sich kaum losgelöst vom Serienboom bei Streamingdiensten betrachten. Statt abgeschlossener Einzelerlebnisse wünschen sich viele Menschen fortlaufende Geschichten, Entwicklung und Konsequenzen.
Brettspiele greifen das auf. Kampagnen werden zu wiederkehrenden Spielabenden mit Wiedererkennungswert, Entscheidungen tragen über mehrere Partien hinweg. Spiele wie Zug um Zug LegacyPandemic LegacySleeping Gods oder Frosthaven funktionieren eher wie Serien auf Netflix als wie klassische Spiele. Der Einstieg ist höher, die Bindung dafür umso stärker.


Thematische Vielfalt – weg vom Standardsetting

Thematisch hat sich das Hobby deutlich geöffnet. Klassische Piraten-, Ritter- oder Burgthemen sind weiterhin präsent, stehen aber nicht mehr allein im Mittelpunkt. Stattdessen finden sich Weltraum, Fantasy, politische und historische Stoffe oder sehr persönliche Themen.
Spiele wie This War of Mine zeigen, dass Brettspiele auch schwere, moralisch herausfordernde Inhalte transportieren können. Titel wie Weimar oder andere geschichtliche Spiele gehen noch weiter und machen politische Systeme selbst zum Spielinhalt. Das Thema wird damit nicht nur Dekoration, sondern Teil der Aussage eines Spiels.


Natur als Thema und Nachhaltigkeit in der Produktion

Naturthemen haben sich als eigenständiger Trend etabliert. Spiele rund um Landschaften, Tiere oder Ökosysteme stehen oft für Ruhe, Entschleunigung und positive Emotionen, als bewusster Kontrast zu Konflikt- oder Zerstörungsszenarien.
Getrennt davon, aber zunehmend verknüpft, ist das Thema Nachhaltigkeit in der Produktion. Umweltfreundlichere Materialien, weniger Plastik, reduzierte Verpackungen und erste Schritte hin zu Produktion in Europa oder Deutschland sind sichtbar. Noch ist das kein Branchenstandard, aber das Bewusstsein wächst – auch auf Seite der Spielenden.


Lokalisierungen – internationale Spiele, lokaler Markt

Der deutsche Markt profitiert stark von einer wachsenden Zahl hochwertiger Lokalisierungen. Spiele aus anderen Ländern sind schneller und breiter verfügbar als noch vor zehn Jahren.
Dabei zeigt sich eine zunehmende Spezialisierung. Einige Verlage konzentrieren sich gezielt auf Lokalisierungsarbeit, andere etablierte Verlage nehmen internationale Titel bewusst in ihr Programm auf. Gute Lokalisierung bedeutet mehr als Übersetzung – sie umfasst Redaktion, Regelklarheit und kulturelle Feinjustierung.


Mechanismen-Mix – Innovation durch Kombination

Wirklich neue Mechaniken sind selten geworden. Innovation entsteht heute vor allem durch Kombination. Bekannte Systeme werden neu zusammengesetzt, gewichtet oder kontextualisiert.
Worker Placement trifft auf Deckbuilding, Optimierung auf Story, Taktik auf Push-your-Luck. Spiele wie Die verlorenen Ruinen von Arnak zeigen, wie fruchtbar dieser Ansatz ist. Das Designfeld ist groß genug, um kreativ zu variieren, statt permanent Neues erfinden zu müssen.


Material, Haptik, Design – befeuert durch Crowdfunding

Materialqualität, Illustration, Inserts und Tischpräsenz spielen eine deutlich größere Rolle als früher. Crowdfunding hat diesen Trend massiv verstärkt, denn hochwertige Komponenten dienen dort oft als Anreiz, ein Projekt früh zu unterstützen.
Deluxe-Editionen, besondere Materialien oder aufwendige Inserts sind Teil des Versprechens geworden. Gleichzeitig steigen dadurch auch im klassischen Handel die Erwartungen an Wertigkeit und Präsentation.


Escape- und Detektivspiele – Marken statt Einzelspiele

Mit Reihen wie EXIT oder Unlock sind eigenständige Spielmarken entstanden. Escape- und Detektivspiele verbinden den kooperativen Trend mit Rätseln, Story und klar strukturierten Abenteuern.
Oft erlebt man hier ein Abenteuer in Spielfilmlänge. Wiederspielbarkeit ist zweitrangig, das Erlebnis steht im Vordergrund. Diese Spiele haben sich als eigenes Segment etabliert, das weit über einzelne Titel hinausgeht.


Community und Sichtbarkeit – das neue Ökosystem

Neben den Verlagen selbst hat sich auch die Brettspiel-Community stark gewandelt. YouTube, Podcasts, Blogs und Social Media haben neue Formen des Austauschs geschaffen. Rezensionen, Playthroughs und Crowdfunding-Kampagnen werden nicht mehr nur konsumiert, sondern aktiv begleitet und kommentiert.
Community-Plattformen prägen Wahrnehmung und Erfolg einzelner Titel, fördern Transparenz und bauen Nähe zwischen Autorinnen, Verlagen und Spielenden auf. Der Diskurs über Spielmechanismen, Ästhetik und Nachhaltigkeit ist dadurch viel lebendiger geworden und verschiebt die Machtbalance im Markt – weg von reiner Verlagskommunikation, hin zu gemeinschaftlicher Resonanz.


Vertrieb im Wandel – zwischen Online, Handel und Direktvertrieb

Auch die Wege, wie Spiele zum Publikum finden, haben sich verändert. Der klassische Fachhandel bleibt wichtig, hat aber durch Online-Plattformen starke Konkurrenz bekommen. Crowdfunding fungiert heute als zusätzlicher Vertriebskanal und als Markttest zugleich.
Viele Verlage nutzen Direktvertrieb, eigene Shops oder Vorbestelleraktionen, um Planbarkeit und Margen zu sichern. Gleichzeitig bleibt der stationäre Handel ein zentraler Ort des Entdeckens, Ausprobierens und des persönlichen Kontakts, der sich durch Service und Kompetenz positionieren kann.


Qualität – ein dichter, anspruchsvoller Markt

Im Vergleich zu früher hat sich der Anspruch deutlich erhöht. Einerseits erwarten Spielende mehr: klare Regeln, gutes Balancing, saubere Redaktion. Andererseits ist auch die Zahl guter Spiele stark gestiegen.
Wo man früher mit einem sehr guten Spiel herausragen konnte, muss ein Spiel heute nahezu ausgezeichnet sein, um sichtbar zu bleiben. Entsprechend hat sich die redaktionelle Arbeit in Verlagen deutlich professionalisiert.


Produktmarkenpflege – Stabilität als Grundlage für Innovation

Bekannte Spielereihen fungieren für viele Verlage als wirtschaftliche Basis. Marken wie CatanExitDorfromantikCarcassonneZug um Zug oder 7 Wonders sichern Umsatz, Sichtbarkeit und Vertrauen.
Diese Stabilität ermöglicht es den Verlagen, neue Spiele zu entwickeln, Risiken einzugehen und Trends zu setzen. Markenpflege wird so zur Voraussetzung für Innovation, nicht zu ihrem Gegenteil.


Hybridspiele – eine zarte Pflanze mit (großem) Potenzial

Hybridspiele stehen noch am Anfang. Die Möglichkeiten sind groß, werden aber bislang vorsichtig genutzt. Digitale Unterstützung kann Ergebnisermittlung übernehmen, komplexe Verwaltungsprozesse abbilden oder Spielleiterfunktionen ersetzen.
Aktuell bleibt der Einsatz meist zurückhaltend. Das Analoge steht im Vordergrund, das Digitale unterstützt. Wie sich dieser Trend in den kommenden Jahren entwickelt, bleibt offen – das Potenzial ist jedenfalls enorm.

Ausblick

Wer hätte vor zehn Jahren diese Entwicklung in ihrer Breite und Tiefe vorhersehen können?
Kooperation als Massenphänomen, Solo als selbstverständlicher Spielmodus, Brettspiele als Serienerlebnis, Markenpflege als strategische Säule und digitale Unterstützung als leise Begleitmusik.
Vieles davon war damals nur eine Randerscheinung. Heute prägt es den Markt.
Wie sich das Hobby in den nächsten zehn Jahren entwickelt, welche dieser Trends sich verstärken oder verschwinden, lässt sich kaum vorhersagen. Sicher ist nur eines: Brettspiele haben gezeigt, dass sie sich anpassen können – und genau darin liegt ihre Stärke.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Most Popular

Recent Comments