Ach Absinth, Du süße Verführung, gönne mir nur ein weiteres Mal eine Zusammenkunft mit der Grünen Fee und lass sie mich inspirieren, als das meine Kunst gedeiht, und mit Erfolgen mich krönt zum Sieger dieses Spiels – Paris im Wechsel zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert.
Im Brettspiel Bohemians sind wir junge Künstler:innen, die sich nach dem Erfolg sehnen, sei es als Schreibende, Malende oder in der Bildhauerei. Wir leben als Bohemians in Paris. Das Leben genießen wir, arbeiten wo nötig und sind doch von viel Leid geplagt, wenn wir am Ende angekommen sind, dabei wird nur eine Person von uns genug Erfolge angesammelt haben, um mit einem Sieg davongehen zu können.
Björn

Im Grunde seines Herzens ist das Brettspiel Bohemians ein Deckbuilder. Wir starten mit den klassischen 10 Karten, die keine Sondereffekte aufweisen und werden dieses Deck im Laufe des Spiels mit besseren Karten aufwerten. Ziel des Spiels ist es, vier sogenannte Erfolge zu sammeln. Diese können wir einmal pro Runde durch Inspirationspunkte kaufen, eben jene Punkte, die wir auch benötigen, um uns bessere Karten für das Deck zu kaufen.
Zu Beginn einer Runde ziehen wir alle gleichzeitig von unserem Deck Karten, und zwar so lange, bis wir fünf Gewohnheitskarten vor uns liegen haben. Im Deck selbst können sich später noch Musen- und Leiden-Karten befinden. Mit den gezogenen Karten gestalten wir unseren Tagesablauf. Hierzu nutzen wir vier der fünf Gewohnheitskarten, um festzulegen, was wir morgens, mittags, abends und des Nachts zu tun gedenken.
Die Gewohnheitskarten sind dabei mit Farben und Symbolen ausgestattet. So steht die Farbe grün z.B. für die künstlerische Hingabe und rosa für die Suche nach Liebe und der Erfüllung der Sehnsucht.
Im Spielprinzip selbst geht es darum, die Karten auf dem eigenen Tableau so anzuordnen, dass sich die an den Seiten befindliche (Teil-)Symbole (Masken, Augen, Herzen, Schlösser) zu einem vollständigen Symbol anordnen.
Sowohl das Ziehen der Karten als auch das Auslegen der Karten können alle Spieler:innen parallel durchführen. In dieser Phase werden auch die Musenkarten angelegt. Diese bringen zusätzliche Effekte oder Boni und werden an eine Gewohnheitskarte im Tagesverlauf zusätzlich angelegt.

Sollten wir den ganzen Tag mit unseren künstlerischen Gewohnheiten verbringen, also alle vier Kartenslots nutzen um Inspirationspunkte zu sammeln, ziehen wir zusätzlich eine Leiden-Karte, die sich in unser Deck gesellt. Diese müssen später im Spiel ebenfalls ausgespielt werden, wenn gezogen, und sorgen für negative Effekte. Sie verteuern für diese Runde den Kauf von Karten oder minimieren unsere Inspirationspunkte. Wir können dies verhindern, in dem wir einen der vier Tagesslots mit unserer Berufskarte, die uns immer zur Verfügung steht, belegen. Diese Karte bringt keine Symbole mit, verhindert aber das Ziehen einer Leiden-Karte.
Die erworbenen Inspirationspunkte können dann ausgegeben werden. Hierfür können neue Gewohnheitskarten für das Deck erworben werden, es können Musenkarten erworben werden, wir können aber auch Punkte in unserem Atelier sammeln und mit diesen Punkten später Karten aus dem Deck entfernen oder mehr Karten in einer Runde einmalig ziehen.
Wenn die Inspirationspunkte ausreichen, kann aber auch eine Erfolgskarte gekauft werden. Diese sind notwendig für den Sieg, für selbigen werden vier Erfolge benötigt. Die Erfolgskarten wandern nicht ins Deck, sondern liegen am Tableau an. Die erste Erfolgskarte kostet noch 8 Inspirationspunkte, die letzte der 13 Erfolgskarten bereits 15 Punkte. Da wir alle von einem gemeinsamen Stapel einkaufen, verteuert sich mit jedem Kauf der Mitspielenden mein eigener zukünftiger Erfolgserwerb.
Mit dem Erwerb des vierten Erfolgs wird noch die Runde beendet, sollten sich hier mehrere Kunstschaffende vier Erfolge erarbeitet haben, gewinnt die Person, die mehr Atelierpunkte besitzt.
Brettspiel Regeln
Spielregeln (ext. Link zu Pegasus)


Was oben nach strikten Punktesammeln und Deckoptimierung klingt, bringt anfänglich im Spiel über die Grafik und den erzählerischen Moment eine völlig andere Stimmung an den Tisch.
Die Gewohnheits- und Musenkarten sind thematisch sehr stimmig und weich gezeichnet. Jede Person soll, bevor sie stumpf ihre Inspirationspunkte errechnet, ihren Tagesablauf berichten – mit allen Höhen und Tiefen. Da kann von der eigenen Schaffensphase am frühen Morgen, über das Treffen mit den Liebschaften, dem schnöden Geld verdienen als Barmann, aber auch von dem Leid der Armut berichtet werden. Nicht zu vergessen, dieser triumphale Moment, wenn in der eigenen künstlerischen Karriere sich die ersten Erfolge anbahnen, gerade wenn einen die Muse im wahrsten Sinne des Wortes küsst.
Die künstlerische Gestaltung der Karten, gerade die Gegensätzlichkeit der geliebten Gewohnheiten und der bitteren Leidenskarten, sind einfach großartig. Die Leiden sind hart gezeichnet, verwirrend bizarr zuweilen und machen in der dunklen Gestaltung sehr deutlich, wie wir gerade leiden.
Im Spiel selbst sind noch drei Szenarien für ein Solo- bzw. 2-Personen-Kooperationsspiel enthalten. Auch hier ist die Gestaltung und die Thematik unfassbar stark spürbar und immersiv.
Doch all künstlerische und erzählerische Großartigkeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wer sich nicht in den erzählerischen Aspekt vollständig einbringt, ein stumpfes Symbolsammeln und Kartenkaufen vor sich ausliegen hat. Das dann auch mit einer echten Länge zu kämpfen hat, weil sich die Ansammlung von Erfolgen unerwartet lange ziehen kann, da die steigenden Kosten nicht unbedingt immer mit den neu erworbenen Karten synchron gehen.
Auch im Solospiel hatte sich eine unerwartete Länge gezeigt. Die Faktoren für die Niederlage einigermaßen im Griff, konnte ich selbst aber nie meine Siegbedingung auch nur ansatzweise erreichen, so dass es sich nach 45 Minuten und einem Dutzend Leidenkarten im Deck nach einer langwierigen Angelegenheit angefühlt hat, die dann auch abgebrochen wurde.
Redaktionell hat sich auf einer Karte ein Druckfehler gezeigt, hier sind die Symbole vertauscht worden. Bei einer Karte stellte sich die Frage, ob diese noch gebalanced ist, weil extrem stark, beim Kauf von Erfolgskarten.
Zu guter Letzt sind in einem Spiel zu viert tatsächlich die Leidenkarten ausgegangen. Auf Rückfrage beim Verlag ist es tatsächlich möglich und wer danach noch welche ziehen müsste, hat einfach Glück gehabt. Was dazu geführt hat, sich hemmungslos seinen Gewohnheiten hingeben zu können und dem schnöden Arbeiten nicht mehr frönen zu müssen. Vielleicht wollte der Künstler uns damit etwas sagen, vielleicht auch nur eine Regelschwäche, es mag dem Auge des Betrachters überlassen bleiben. Am Ende gab es nur wenige Mitspielende die noch Lust auf eine weitere Partie hatten, auch mir war es nach einem halben Dutzend Partien genug… erst einmal – so richtig loslassen kann ich dann doch nicht – Finde ich die Idee und künstlerische Gestaltung doch ergreifend gut und bin gespannt, was die angekündigte Erweiterung in 2026 zu bieten hat.

- Tolle Zeichnungen – Gerade die künstlerische Trennung der positiven Karten und der Leidenkarten
- Am Anfang tragen die Geschichten der Tagesverläufe noch das Spiel
- Das Thema ist sehr spürbar verankert
Bohemians ist ein atmosphärischer und thematischer Deckbuilder, hier geht es mehr ums Erleben als ums effiziente und siegoptimierte Spielen. Mechanik, Kunst und Leid machen den Reiz aus, erfordern aber Geduld und Bereitschaft sich auf den erzählerischen Moment einzulassen.
Themenaffine Vielspieler und Kunstliebhaber, die bereit sind für den Erfolg auch einmal zu leiden, denen sei das Spiel ans Herz gelegt, weniger geeignet ist es für Fans kurzer, klar optimierter Spiele.
Oder kürzer mit Oscar Wilde – „Die Welt verzeiht dem Künstler alles – Außer Erfolg ohne Leid“.



AUTOR: Jasper de Lange
ARTIST: Hanna Kuik, Roman Kucharski, Tomasz Jedruszek, Mateusz Kopacz
VERLAG: Portal / Pegasus Spiele
ERSCHEINUNGSJAHR: 2025

1-4 Spielende
10 Jahre
45-60 Min.








tolles Spiel gefällt mir sehr gut 😊👍