Home Rezension Hochverrat! – Der Prozess gegen Louis Riel, Juli 1885

Hochverrat! – Der Prozess gegen Louis Riel, Juli 1885

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Ein besonderes 2 Personenspiel

Spiele von Frosted Games haben irgendwie einen Bildungsauftrag. Oder wusstet ihr von den Anbaumöglichkeiten auf Island (siehe Reykholt). Dazu die englische Geschichte, Kuba-Krise etc.

Auch in diesem Spiel lernen wir zunächst einmal einiges zur kanadischen Geschichte. Sind die Konflikte zwischen Indianern und Europäern eher aus den USA bekannt, so gab es sie – wenn auch in etwas anderer Form – auch in Kanada. Louis Riel trat dabei als Anführer im Rahmen der Red-River-Rebellion von Manitoba auf, welche die kanadische Regierung zu einem Kompromiss nötigte. Einige Jahre später konnte man sich dann an Louis Riel bei einem weiteren Konflikt rächen und stellte ihn vor Gericht.

Diesen Prozess spielen wir in Hochverrat! nach.

Das Spiel kam bereits 2016 unter dem englischen Titel High Treason: The Trial of Louis Riel auf den Markt. Wer Matthias von Frosted Games kennt, der weiß, dass er solche personenabhängigen Perlen entdeckt und für sich noch einmal in einer anderen Aufmachung herausbringt. So auch im Sommer dieses Jahres geschehen.


Das Spiel

Nach dem Aufbau (u.a. wird jeder Geschworene mit je einem Religions-, Berufs- und Sprachmarker ausgestattet) wird Hochverrat! in fünf verschiedenen Phasen gespielt:

  • Phase 1 – Wahl der Geschworenen: Aus 12 Geschworenen müssen wir 6 machen. Dabei gilt es mittels der 5 von 7 Handkarten (die restlichen 2 wandern unter den Schlußplädoyerstapel) Eigenschaften der Geschworenen aufzudecken bzw. anzusehen. Danach wählen die beiden Parteien je drei Geschworene aus, die entlassen werden.
  • Phase 2 – Hauptverhandlung (Teil 1): Wieder werden 5 aus 7 Handkarten ausgespielt. Dieses geschieht nun je Karte abwechselnd. Entweder lege ich 1-2 Beeinflussungsmarker auf einen Geschworenen (oder entferne Marker meines Gegners), führe Ereignisse auf den Karten aus oder ich verschiebe die Anzeigemarker der verschiedenen Aspekte in meine Richtung.
  • Phase 3 – Hauptverhandlung (Teil 2): Ich wiederhole die Phase 2 ohne die Karten neu zu mischen.
  • Phase 4 – Schlussplädoyers: Nun nutze ich die 6 Karten aus den Phasen 1-3. Dabei spielt die Anklage zunächst 3, dann die Verteidigung 6 und wieder die Anklage 3 Karten aus. Dabei spielt man Aktionspunkte um Geschworne zu beeinflussen, darf man 2 Aktionen nutzen. Alternativ darf man den Plädoyerstext durchführen.
  • Phase 5 – Beratung der Geschworenen und Urteil ist gleich der Abrechnung. Hier werden die Aspekte der Schuld bzw. der Unzurechnungsfähigkeit ausgewertet. Dann werden die Marker der Geschworenen mit den Werten der Aspektanzeigenmarker multipliziert.

Am Ende des Prozesses gewinnt die Anklage, wenn sie mehr als 100 Punkte erzielen konnte. Bleibt sie drunter, hat die Verteidigung einen besseren Job gemacht und das Todesurteil gegen Louis Riel verhindern können.

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Autor: Alex Berry • Grafiker: Tim Allen • Verlag: Victory Poin Games|Frosted Games • Jahr: 2018

2 Spieler • ab 12 Jahren • ca. 60-90 Minuten

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Material

In der BRETTSPIELBOX befinden sich: 45 Prozesskarten (Basisspiel) und 6 Prozesskarten für die Variante: Was wäre, wenn?, 9 Phasenübersichten für 5 Phasen: 5 Karten Ablauf, 4 Karten Optionen, 54 Eigenschafts-Plättchen (je 18 Eigenschaftsplättchen in den Ausprägungen Beruf, Religions und Sprache), 2 Spieler-Plättchen für Plädoyerkarten, 34 Beeinflussungs-Marker, 9 Aspekte-Marker, 12 Geschworenenkarten

  

Auch wenn die Karten recht vollgeschrieben sind, so sind sie im Vergleich zum Original was Symbolik und Lesbarkeit angeht, deutlich optimiert worden.

Einstieg

Auch wenn ich die Anleitung als liebevoll erstellt ansehe, sollte man einen Blick auf das extra gedrehte Video von Hochverrat! werden, mit dem man ausgezeichnet in das Spiel findet.

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Spielgefühl

Hochverrat! spielt sich erstaunlich schnell und doch komplex. Damit meine ich, dass das Spiel von seinen Regeln einfach zu verstehen ist, dennoch bieten die Karten eine hohe Variabilität, so dass viele Partien komplett anders ablaufen. Und hier liegt vielleicht ein kleiner „Haken“, denn auf Hochverrat! muss man sich intensiv einlassen. Auch wenn das Spiel an sich gut verständlich ist, so öffnet es erst in seiner ganzen Breite, wenn man sich stärker mit den Karten auseinandergesetzt hat. Damit ist auch die Zielgruppe des gehobenen Kennerspielers klar definiert.

Das Spiel fühlt sich an wie ein Schlagabtausch, da man auf die jeweiligen „Attacken“ der Gegner eingehen muss, um bei den Markern nicht ins Hintertreffen zu geraten. Damit dieses aber auch nicht zu einer Endlosnummer und Hin und Her bei einem Aspekt wird, ist ein Ende einer partiellen Diskussion thematisch gut gelöst, in dem die Geschworenen irgendwann einfach die Nase voll haben von den Diskussionen und sich eines anderen Themas annehmen (Begrenzung auf drei Marker). In dem Schlagabtausch geht es auch darum, der gegnerischen Seite ein paar Nüsse zum Knacken zu präsentieren

Thema ist bei dem Spiel wichtig, denn neben der inhaltlich gelungenen Einführung in die Geschichte gelingt es die Atmosphäre der Gerichtsverhandlung eindrucksvoll herzustellen. Dieses wird unterstützt durch die toll illustrierten und beschriebenen Personenkarten. Dadurch ist das „trockene“ Thema auch für Nichtjuristen lebhaft und anfassbar.

Zielgruppe des Spieles sind aber eindeutig Kennerspieler, da alle anderen doch mit der Vielfalt der Karten und der Symbolik überfordert wären. Hochverrat! würde ich aufgrund seiner eher als taktisches denn strategisches Spiel ansiedeln. Strategische Komponente ist eher im Sammeln der Karten für das Schlußplädoyer zu sehen. Ansonsten muss man doch sehr auf seine Gegner eingehen. Hieraus kann man auch einen hohen Interaktionsgrad ablesen. 

Glück kommt durch die Kartenauswahl ins Spiel. Dieses empfand ich jedoch nicht sehr störend. Außerdem haben die Herausgeber mit dem Mulligan die Möglichkeit gegeben, einmalig die Handkarten gegen eine Aktion komplett zu tauschen; auch wenn dieses eine Aktion kostet. 

Wichtig ist übrigens, dass man asymmetrisch angelegte Spiele mag. Da werden die Karten in unterschiedlicher Art und Weise ausgespielt (aber gut durch das beiliegende „Buch / Karten“ erklärt). Zudem erscheint die Anklage ob der Voraussetzungen Religion und Nationalität schon recht erdrückend. Gibt aber auch den Umstand wieder, dass damals der Verhandlungsort verlegt wurde. Das dem nicht so ist, zeigen diverse Partien. Denn 100 Punkte zu erreichen gelingt dann wirklich, wenn man auf der Klaviatur der Karten spielen kann.

Langzeitspaß

Hochverrat! bietet durch die beiden Rollen Verteidigung sowie Anklage und verschiedenen variable nutzbaren Karten viele Spiele Abwechslung. Dazu gibt es noch eine Variante. Zudem benötigt man einige Partien, um sich wirklich in dem Spiel „zurecht“zufinden. Hochverrat! findet in der Reihe der anspruchsvollen 2 Personenspiel einen festen Platz in meinem Regal.

Gesamtbeurteilung 8/10

Eindrucksvoll gelingt es ein unbekanntes geschichtliches Ereignis sowie ein ungewöhnliches Thema einer Gerichtsverhandlung in ein kurzweiliges taktisch dichtes Spiel zu überführen. Echt gelungen.

Jedoch sollte man die Bereitschaft / den Willen haben, sich in das Spiel bzw. die Karten hineinzuarbeiten.


Erweiterungen:

Auszeichnungen:

Spielregeln (ext. Link zu Frosted Games)

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2 COMMENTS

  1. Es ist zwar ein super Spiel, aber ich finde ein Beeple Mitglied sollte hier aus Anstandsgründen keine Bewertung abgeben. Immerhin ist der Kopf von Frosted Games auch ein Beeple.

    Und wenn würde ich einen Hinweis auf die enge Freundschaft im Artikel erwarten. Für mich als Leser ist diese Info wichtig, um Punktewertungen einschätzen zu können.

    • Hallo Niko Lausi (ich weiss nicht ob das dein Name ist),

      ja, Matthias ist bei Beeple und gleichzeitig Herausgeber des Spiels.

      Jedoch bin ich weit davon entfernt hier Freundschaftsdienst zu machen. Siehe meine Rezension zum viel gelobten Paper Tales, was mir nur in Teilen gut gefallen hat, aber von vielen Spielern hochgejubelt wird.

      Diese kritische Distanz habe ich zu allen Spielen, denn in dieser kleinen Branche bleibt es nicht aus, dass man zu dem ein oder anderen Verlag (inkl. Vertreter) eine persönliche Bindung aufbaut. Allerdings ist es wie mit Freunden außerhalb der Brettspielszene: ist man nicht in der Lage, echte Kritik zu äußern, wenn sie berechtigt ist, dann sind es nur oberflächliche Bekanntschaften.

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