Eigentlich sollte es eine Freude sein. Das Brettspiel Concordia, der elegante Wirtschafts-Klassiker von Mac Gerdts aus dem Jahr 2013 (inzwischen mit unzähligen Erweiterungen ausgestattet), bekommt eine Deluxe-Special-Edition von Awaken Realms. Mehr als 21.000 Menschen folgen bereits der Preview-Seite auf Gamefound. Die Vorfreude war groß – bis das neue Artwork auftauchte.
Seitdem diskutiert die internationale Brettspiel-Community mit einer Intensität, die man sonst eher aus Politikforen kennt. Und das Spiel selbst? Das ist schon fast Nebensache geworden.
Disclaimer: Ich habe zu diesem Thema noch keine fertige Meinung und das ist hier Absicht. Die folgende Kolumne ist der Versuch, eine komplexe Debatte zu sortieren, bevor ich sie bewerte. Erst einmal lohnt es sich, genau hinzuschauen.
Was konkret passiert ist
Das neue Cover zeigt eine junge Frau – erkennbar an der antiken Aufmachung die Concordia-Figur – allerdings in einer stark stilisierten, glatt polierten Ästhetik. Betonende Pose, Beauty-Filter-Look, Fokus aufs Dekolleté. Für viele in der Community ein klarer Fall: Das Bild wirkt nicht wie das Werk einer menschlichen Illustratorin oder eines Illustrators, sondern wie eine KI-generierte Grafik mit all den typischen Merkmalen: Diese eigenartig perfekte Glätte, Proportionen, die leicht „off“ wirken, eine Anmutung, die man kennt, ohne sie zuordnen zu können.

Awaken Realms hat sich bislang nicht klar zur Herkunft des Covers geäußert. Das ist, wie wir gleich sehen werden, an sich schon Teil des Problems.
Drei Konflikte in einem Shitstorm
Was hier brodelt, ist kein einzelner Konflikt, sondern drei, die sich gegenseitig aufheizen.
Erstens: KI-Kunst. Die Debatte über generative KI in Kreativberufen ist nicht auf Brettspiele beschränkt, aber sie trifft die Spielebranche mit besonderer Wucht. Spiele leben von ihrer Atmosphäre, und Atmosphäre entsteht zu einem erheblichen Teil durch Illustration. Wer als finanziell starker Verlag auf KI-generierte Bilder setzt, erntet den Vorwurf, bewusst Künstler und Künstlerinnen-Honorare einzusparen (ungeachtet der Rechtsfrage der, von der KI genutzten, Quellen), nicht weil man sie sich nicht leisten könnte, sondern weil es die Marge verbessert. Das ist kein neues Argument, aber es trifft Awaken Realms besonders hart: Der Verlag hatte nach dem Puerto-Rico-Projekt 2024 öffentlich versprochen, im finalen Produkt auf KI zu verzichten. Damals hatte sogar Ravensburger als Lizenzgeber eingegriffen. Dieses aufgebrauchte Vertrauen macht den Ton der aktuellen Kritik deutlich schärfer.
Zweitens: Bildsprache und Repräsentation. Parallel zur KI-Debatte stört verschiedene Spielende, was genau auf dem Cover zu sehen ist. Eine sexualisierte Darstellung einer Frau, heißt es in vielen Foren, nicht per se ein Skandal, aber ein Signal. Für die einen ist das eine Marginalie: Geschmackssache, nicht der Rede wert, im Zweifel einfach ignorieren. Für die anderen ist genau das der Punkt: ein Cover ist kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung, und diese Entscheidung sendet ein gesellschaftliches Statement darüber, für wen dieses Spiel gemacht ist und welche Blicke dabei als „normal“ gelten. Nicht nur Männer spielen Brettspiele, und ein Artwork, das primär als Blickfang für eine bestimmte Zielgruppe gestaltet wirkt, schließt andere – ob gewollt oder nicht – zumindest symbolisch aus. Im Zusammenspiel mit der KI-Optik entsteht dann ein doppeltes Unbehagen: ein generisches Bild, das zugleich eine klare Haltung kommuniziert.
Drittens: Reviewbombing. Die Reaktion der Community auf BGG ist eindeutig: Hunderte 1/10-Bewertungen für ein Spiel, das noch gar nicht erschienen ist. Ein Teil davon ist offen politisch motiviert – „KI-Einsatz ist für mich automatisch eine 1″. Auf der anderen Seite gibt es Gegenbewegungen mit 10/10-Ratings als Ausgleich. Das Ergebnis: eine BGG-Note (Stand: 12.03.: Concordia Special Edition 4,2 vs. Concordia alt 8,1), die momentan schlicht nichts über die Spielqualität aussagt, sondern nur zeigt, wie polarisiert eine Community ist.
Ist das legitim? Darüber lässt sich streiten. Wer Kunst als integralen Produktbestandteil versteht, hat ein Argument dafür, sie in die Bewertung einfließen zu lassen. Wer Bewertungsplattformen als Informationsquelle für andere Spielende sieht, wird dagegenhalten, dass eine manipulierte Note niemandem hilft, der schlicht wissen möchte: Lohnt sich dieses Spiel? Beides hat seine Berechtigung – und genau das macht die Situation schwierig.
Warum dieser Fall größer ist als das Spiel
Concordia ist zufällig das Spiel, an dem sich das gerade entzündet. Es könnte genauso gut ein anderer Titel sein. Was hier sichtbar wird, ist ein grundsätzliches Spannungsfeld, das die Branche noch eine Weile beschäftigen wird:
Wie viel Transparenz dürfen Spielende bei der Produktion eines Spiels erwarten? Muss ich wissen, ob Artwork KI-generiert ist, so wie ich bei Lebensmitteln wissen kann, ob sie bio-zertifiziert sind? Und wer entscheidet, was auf einem Cover „angemessen“ dargestellt wird, wenn das Spiel an eine breite, diverse Zielgruppe vermarktet wird?
Bislang fehlen in der Branche klare Antworten und Standards. Solange das so bleibt, werden Debatten wie diese immer wieder aufflammen mit zunehmendem Nachhall, weil die Community größer, vernetzter und anspruchsvoller wird.
Wie es weitergeht
Der eigentliche Lackmustest steht noch aus: die Kampagne selbst. Wenn Concordia Special Edition trotz allem ein finanzieller Erfolg wird, dürfte das zukünftige Produktionsentscheidungen bei Awaken Realms und anderen Verlagen beeinflussen. Bleibt das Projekt merklich hinter den Erwartungen, könnte dieser Shitstorm rückblickend als echter Wendepunkt gelten.
Eines ist sicher: Ein Teil der Brettspiel-Community hat eine sehr laute Stimme und die Mechanismen sozialer Medien und Bewertungsplattformen verstärken sie weit über ihre zahlenmäßige Größe hinaus. 240 Protest-Ratings bei 21.000 Gamefound-Followern sind weniger als ein Prozent. Ob diese Stimme auch kaufentscheidend ist, werden erst die Kampagnenzahlen zeigen. Verlage, die das als reines Nischenrauschen abtun, riskieren aber einen blinden Fleck: Denn laut und vernetzt bedeutet in der digitalen Öffentlichkeit oft mehr als zahlreich. Wie Awaken Realms damit umgeht, wird interessant zu beobachten sein, nicht nur für Concordia, sondern für die gesamte Deluxe-Welle, die gerade durch die Branche rollt.


